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Psychotherapeuten
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Kammer für Psychologische
Psychotherapeuten
und Kinder- und Jugendlichen-
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Nordrhein-Westfalen

Alterspsychotherapie



Prof. Andreas Maercker, Universität Zürich
Prof. Andreas Maercker, Universität Zürich

Interview mit Prof. Andreas Maercker

Am 25./26. Oktober 2008 fand in Bochum der 4. Jahreskongress Psychotherapie statt, den die Psychotherapeutenkammer NRW mitveranstaltete. Prof. Andreas Maercker, Universität Zürich, hielt einen der Hauptvorträge zur Psychotherapie bei älteren Menschen.

Wie häufig erkranken ältere Menschen psychisch?
Die häufigsten psychischen Störungen bei über 65-Jährigen sind die demenziellen und depressiven Syndrome. Etwa 20 Prozent der über 80-Jährigen und fast jeder Dritte über 90-Jährige leidet an einer Demenz. Zu den Besonderheiten der Depression im Alter gehören, dass die Major Depression im Alter etwas seltener ist als im jüngeren Erwachsenenalter (5 Prozent). Dagegen berichten ältere Menschen häufiger über kürzere depressive Phasen, die oft nur drei bis vier Tage andauern. Diese Phasen treten jedoch mehrfach innerhalb weniger Wochen auf. Sie erfüllen nicht die ICD-10-Kriterien einer Major Depression, bei der die Symptome mehr als zwei Wochen auftreten müssen. Wiederholt kurze Krankheitsphasen sind aber eine typische Variante der Depression bei älteren Menschen, für die bisher eine ICD-10-Kodierung fehlt. In der Berliner Altersstudie hatten 17,8 Prozent der 70- bis 100-Jährigen eine solche subsyndromale Depression.

Nutzen ältere Menschen überhaupt Psychotherapie?

Viele ältere Menschen haben noch Vorbehalte gegen Psychotherapie. Sie ziehen häufig eine medikamentöse Therapie vor und wünschen, nicht zum Psychotherapeuten „abgeschoben“ zu werden. Nach Umfragen in der ersten Hälfte der 90er Jahre beträgt der Anteil der über 60-jährigen Patienten bei niedergelassenen Psychotherapeuten nur 0,2 bis zwei Prozent. Älteren Patienten ist auch noch häufiger zu vermitteln, dass Psychotherapie anstrengend sein kann. Die modernen Therapieverfahren sollten ihnen anfangs in klarer Weise erklärt werden.

Brauchen ältere Menschen eine altersspezifische Behandlung?
Im Wesentlichen benötigen ältere Patienten keine neuen oder andere Psychotherapieverfahren. Grundsätzlich ist jede Therapie – unabhängig vom Alter des Patienten – etwas Individuelles.

Wodurch unterscheidet sich das Alter von anderen Lebensphasen?
Der Blick auf das Alter hat sich entscheidend verändert. Das Alter ist eine komplexe Lebensphase, die weder mit dem überholten „Defizitmodell“ noch mit dem ebenso einseitigen „Kompetenzmodell“ zu erfassen ist. Nach dem Ende der Berufstätigkeit bleiben dem Menschen heute noch bis zu 30 Lebensjahre und mehr. Die Gerontopsychologie unterscheidet deshalb zwischen den jungen Alten und den Hochbetagten. Während die jungen Alten ihre Jahre mit selbst gewählten Aktivitäten nutzen, die teilweise über die fremdbestimmten Berufsjahre hinausgehen, verdichten sich bei den Hochbetagten die biologisch-organischen Risiken. Die jeweiligen altersspezifischen Beschwerden sind also durch ein Wechselspiel von erschwerenden und erleichternden Faktoren gekennzeichnet.

Was sind die erleichternden Faktoren?
Die Mehrzahl der älteren Menschen verfügt über erstaunliche Ressourcen und Fähigkeiten. Emotionale Erfahrungen können im Alter komplexer und besser reguliert werden. Ältere Menschen haben meist schwere Belastungen durchgestanden. Der Vergleich mit früheren Entbehrungen und Notlagen ermöglicht ihnen eine gelassenere Reaktion auf aktuelle Krisen und damit ein höheres Wohlbefinden. Sie neigen beispielsweise weniger zu aggressiven Impulsen und sind eher in der Lage die negativen Aspekte einer Situation zu relativieren oder neutral und positiv umzudeuten. Auf diesen besonderen Ressourcen fußt auch die Lebensrückblickstherapie z.B. für depressive Störungen oder die kognitive Aktivierung bei beginnender Alzheimer-Demenz.

Was sind die erschwerenden Faktoren?
Fast neun von zehn über 70-Jährige haben fünf oder mehr diagnostizierbare Krankheiten. Für die behandelnden Psychotherapeuten ist deshalb ein gutes Überblickswissen über die häufigsten körperlichen Krankheiten unverzichtbar. Zu den Krankheiten kommen physiologische Einschränkungen insbesondere des Seh- und Hörsinns. Altersbedingte Hörbehinderungen können z.B. verstärktes Misstrauen, falsch interpretierte Wahrnehmungen und paranoide Ideen fördern.

Wie verarbeiten ältere Menschen den Verlust von Lebenspartnern?
Der Verlust des Lebenspartners und insbesondere von Kindern kann zu sehr unterschiedlichen Trauerreaktionen führen. Bis zu 95 Prozent der Reaktionen lassen sich als „normale Trauer“ bezeichnen. Auch bei diesen Krisen können ältere Menschen also auf erhebliche Ressourcen zurückgreifen. Bei nur fünf Prozent kommt es zu komplizierten Trauerphasen. Grundsätzlich legen ältere Menschen nicht mehr so großen Wert auf viele Beziehungen. Stattdessen ist ihnen die emotionale Qualität der Beziehungen wichtiger. Deshalb sollte die Psychotherapie einer krisenhaften Trauer vor allem die emotionale Qualität der verbliebenen Beziehungen fördern.

Was sind wichtige Leitfragen für den Psychotherapeuten?
Erreichen wir das Therapieziel in einem zeitlichen und sachlich vertretbaren Aufwand? Und: Lässt sich der so erreichte Zustand ausreichend stabil nach der Therapie aufrechterhalten?

Was empfehlen Sie für die psychotherapeutische Gesprächsführung?
Der Therapeut sollte generell sehr aktiv sein und den Patienten anhaltend auf die bedeutsamen Punkte fokussieren. Um die kognitive Verlangsamung oder sensorische Einbußen zu kompensieren, kann es hilfreich sein, wichtige Themen z.B. auf einem Flipchart zu visualisieren. Der Therapeut kann den Patienten Notizen machen lassen oder Sitzungen aufneh- Prof. Andreas Maercker, Universität Zürich men und dem Patienten mitgeben.

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