Die „Überversorgung“ aus Sicht der Kassen
Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler hat für das Frühjahr 2011 eine Reform der Bedarfsplanung angekündigt. Im Zentrum steht dabei bisher die Frage, wie sich in Zukunft die hausärztliche Versorgung auf dem Land sicherstellen lässt. Der steigende Bedarf an psychotherapeutischen Behandlungsplätzen steht dagegen nicht im Fokus der Reformbemühungen.
Ganz im Gegenteil: Der GKV-Spitzenverband spricht sogar von einer flächendeckenden „Überversorgung“ an Psychotherapeuten. Grundlage dafür ist eine Absurdität der bisherigen Bedarfsplanung, wonach die Zahl der psychotherapeutischen Praxen vom 31. August 1999 als ausreichend gilt. Wird deren Zahl in einem Planungsbereich um zehn Prozent überschritten, gilt dieser als überversorgt und wird für neue Zulassungen gesperrt.
Eine 100prozentige Versorgung bedeutet tatsächlich jedoch eine gravierende Unterversorgung mit Psychotherapie, da die Anzahl der psychotherapeutischen Praxen beim Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes unrealistisch gering war. Vorher arbeiteten Psychotherapeuten im Delegations- und Kostenerstattungsverfahren. Für Praxisgründungen fehlte ein planbarer und stabiler gesetzlicher Rahmen.
Eine 100prozentige Versorgung bedeutet je nach Planungsbereich außerdem eine sehr unterschiedliche Versorgung mit Psychotherapeuten. Während in Kernstädten noch ein Bedarf von 38,8 bzw. 31,2 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner angenommen wird, liegt er schon in hochverdichteten Kreisen nur noch bei 12,3. Auf dem Land gelten sogar vier Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner als ausreichend. Dieses eklatante Gefälle zwischen Kernstädten einerseits und dicht besiedelten Kreisen und ländlichen Regionen andererseits ist sachlich nicht zu begründen. Nach den Erhebungen des Bundesgesundheitssurveys ist die psychische Morbidität zwischen Stadt und Land nicht annähernd so unterschiedlich, wie es die Bedarfsplanung annimmt.
Ein besonderes Problem ist das großstädtisch strukturierte Ruhrgebiet, das in der Bedarfsplanung nur mit einer Verhältniszahl von 8.763 eingeht. Das entspricht einer Versorgung von 11,4 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner.
Wie absurd die These der Überversorgung ist, zeigt ein Vergleich der Planungsbereiche von Garmisch-Partenkirchen und Dresden. Garmisch-Partenkirchen gilt mit einem Versorgungsgrad von 519,6% als völlig überversorgt. Tatsächlich arbeiten dort nur 19,7 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner. Das sind etwa halb so viele Psychotherapeuten wie in Dresden, wo 35,5 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner arbeiten. Dresden gehört aber mit einem Versorgungsgrad von 109,9% zu den am schlechtesten versorgten Planungsbereichen in Deutschland.
