Patienten in der Warteschleife – Warum es an Behandlungsplätzen fehlt
Psychotherapiepraxis Düsseldorf
Düsseldorf ist in der Bedarfsplanung Kreistyp 1. Deshalb sind dort 43 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner zugelassen. Der Planungsbereich gilt mit einem Versorgungsgrad von 110,8 % als „überversorgt“.
Andreas Soljan arbeitet in Düsseldorf-Gerresheim mit zwei ärztlichen Kollegen in einer psychotherapeutischen Praxisgemeinschaft. Dort fragten über den telefonischen Hauptanschluss im Jahr 2010 1.356 Patienten nach einem psychotherapeutischen Behandlungsplatz. Insgesamt konnten in dieser Praxis im vergangenen Jahr nur 58 Patienten eine Behandlung beginnen. Im Durchschnitt hatte jeder Anrufer bereits bei mehr als 15 anderen Praxen angefragt. Ein Patient wartete zwischen sechs und zwölf Monate auf ein erstes Gespräch.
„Viele Patienten reagieren mit Unglauben und Entsetzen auf dieses Prozedere“, berichtet Andreas Soljan. „Diese langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind desaströs. Einige der Patienten haben lange gebraucht, bis sie sich zu einer Therapie durchgerungen haben, telefonieren dann einen Psychotherapeuten nach dem anderen ab und erhalten nur Absagen oder die Auskunft, dass sie noch Monate warten müssen. Wir versuchen deshalb, die Patientengespräche außerordentlich vorsichtig zu führen und unsere Bereitschaft, bei knappen personellen Ressourcen zu helfen, deutlich zu machen. Doch das Dilemma bleibt: Ein Patient ist in Not und wir können ihm nicht in akzeptabler Zeit helfen.“
Von den 1.356 Anrufern ließ sich knapp jeder siebte auf die Warteliste setzen. „Die wenigen Patienten, mit denen wir schließlich eine Therapie beginnen können, sind hoch motiviert“, berichtet Andreas Soljan. „Bei einigen hat sich die Krankheit allerdings verschlimmert. Die Behandlung dauert dadurch länger und ist schwieriger. Manche haben die Zeit auch dadurch überstanden, dass sie von Hausärzten Medikamente verschrieben bekamen.“
Etwa ein Drittel der Anrufer schilderte depressive Symptome, ein weiteres Drittel litt unter Angst. 15 Prozent beschrieben Probleme mit Erlebnissen in der Vergangenheit, 10 Prozent litten an Essstörungen, insbesondere Übergewicht, der Rest verteilte sich auf Persönlichkeitsstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, auf Diagnosen aus dem psychotischen Formenkreis.
Psychotherapiepraxis Dinslaken
Dinslaken ist in der Bedarfsplanung Kreistyp 10. Deshalb sind dort 13 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner zugelassen. Ein Psychotherapeut muss dort fast viermal so viele Menschen versorgen wie in Düsseldorf. Dinslaken gilt mit einem Versorgungsgrad von 113,8 Prozent als „überversorgt“.
Kerstin Engel arbeitet seit dem Jahr 2003 mit einem Kollegen in einer psychotherapeutischen Praxisgemeinschaft in Dinslaken. Sie ist an fünf Vormittagen und zwei Nachmittagen in der Woche tätig und hat zwei schulpflichtige Kinder. Seit drei Monaten nimmt sie keinen neuen Patienten mehr auf ihre Warteliste, weil Patienten inzwischen über acht Monate warten müssen, bis sie ihnen einen ersten Gesprächstermin anbieten kann.
„Während meiner Telefon-Sprechstunde rufen immer sehr viele Patienten an, die einen Therapieplatz suchen“, berichtet Kerstin Engel. „Wenn ich dann sage, dass ich im Moment keinen neuen Patienten mehr auf die Warteliste setzen kann, weil die Liste einfach schon zu lang ist, reagieren nicht wenige entsetzt und verzweifelt, manche auch erstaunlich verständnisvoll. Alle haben aber die eine dringende Frage: ‚Was mache ich denn jetzt?’ Leider kann ich darauf oft keine befriedigende Antwort geben, da der gesamte Niederrhein mit einer faktischen Unterversorgung zu kämpfen hat.“
Kerstin Engel hält es für dringend notwendig, das Job-Sharing flexibler zu gestalten, um psychotherapeutische Praxen besser auslasten zu können. Es müsste möglich sein, z.B. eine Kollegin einzustellen, auch wenn die Praxis bisher noch nicht voll ausgelastet war.
„Wenn ich eine Patientin auf der Warteliste anrufe, nehmen rund 95 Prozent den angebotenen Termin dankbar wahr“, stellt Kerstin Engel fest. „Das heißt, dass die wenigsten Wartenden in der Zwischenzeit einen anderen Behandlungsplatz gefunden haben.“ Depressive Patienten hätten in den Monaten des Wartens häufig Medikamente von ihrem Hausarzt bekommen, andere „irgendwie durchgehalten“. Bei einigen sei die Erkrankung inzwischen schlimmer geworden und damit der Erfolg einer Behandlung fraglicher.
