Unterversorgung – Zahlen und Fakten
Nach dem Bundesgesundheitssurvey von 1998 erkrankt jährlich knapp jeder dritte Erwachsene in Deutschland an einer psychischen Störung. Das ist eine erschreckend hohe Zahl, die bisher kaum Schlagzeilen machte. Noch erschreckender ist der Befund, dass nur jeder zehnte psychisch Kranke eine „adäquate Therapie nach modernen wissenschaftlichen Kriterien“ erhält. Die Ergebnisse des Bundesgesundheitssurveys, der ersten repräsentativen Untersuchung über psychische Erkrankungen in Deutschland, zeigen: Psychische Erkrankungen werden in Deutschland häufig nicht erkannt und selten behandelt.
Die Zahl der Menschen, die nach einem psychotherapeutischen Behandlungsplatz suchen, nimmt ständig zu. Es ist die Regel, dass psychisch kranke Menschen bei mehreren niedergelassenen Psychotherapeuten nachfragen und doch nur auf einer Warteliste landen. Selbst in vergleichsweise gut versorgten Großstädten warten die Patienten monatelang auf ein erstes Gespräch mit einem Psychotherapeuten (siehe Interviews auf der ersten Seite). In Hausarztpraxen wären solche Wartezeiten inakzeptabel. Dass Menschen in psychischen Krisen und Nöten so lange auf einen Behandlungsplatz warten müssen, ist ein versorgungspolitischer Skandal.
Deutsche Arbeitnehmer sind immer häufiger aufgrund von psychischen Erkrankungen arbeitsunfähig. Knapp elf Prozent aller Fehltage gingen 2008 auf psychische Erkrankungen zurück. Seit 1990 hat sich die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen fast verdoppelt. Psychische Erkrankungen verursachen überdurchschnittlich lange Fehlzeiten in den Betrieben: bei der AOK durchschnittlich ca. drei Wochen, bei DAK vier Wochen und bei BARMER sogar rund fünfeinhalb Wochen pro Krankschreibung.
Der Anteil der Frührenten („Erwerbsminderung“) aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich von 15,4 Prozent im Jahr 1993 auf 35,6 Prozent im Jahr 2008 mehr als verdoppelt. In absoluten Zahlen gab es einen Anstieg von 20.366 Neuberentungen im Jahr 1993 auf 31.124 im Jahr 2008 – das bedeutet einen Anstieg von mehr als 50 Prozent.
