Direkter Zugang wichtig - Interview Jens Spahn
Wie beurteilen Sie die Versorgung psychisch erkrankter Menschen in Deutschland?
Deutschland verfügt grundsätzlich im internationalen Vergleich über ein dicht ausgebautes System der psychotherapeutischen Versorgung. Allerdings denke ich, dass wir an vielen Stellen auch noch besser werden können.
Brauchen wir eine Stärkung der gesprächsorientierten Medizin?
Ja! Dies gilt im Übrigen nicht nur für die Psychotherapie, sondern allein schon beim Gang zum Hausarzt würde vielen Menschen ein wenig mehr Reden und Zuhören sicher sehr helfen. Aber der dafür notwendige Zeitaufwand muss sich auch in der Vergütung wieder finden, das tut er heute nicht immer.
Patienten haben seit dem Psychotherapeutengesetz die Möglichkeit, sich direkt an einen Psychotherapeuten zu wenden. Wie beurteilen Sie dieses niedrigschwellige Angebot?
Ich halte das für sehr gut und wichtig, denn die Patienten haben so einen direkten Zugang zu ihrem Psychotherapeuten. Das senkt die Hemmschwelle und im Übrigen auch den Aufwand für den Patienten.
Patienten warten monatelang auf einen ambulanten psychotherapeutischen Behandlungsplatz. Viele Patienten erhalten deshalb nicht rechtzeitig eine psychotherapeutische Behandlung. Wie lässt sich dieser Engpass beheben?
Wir brauchen Versorgungskonzepte, die auf die jeweiligen Erfordernisse der Patienten in einer Region zugeschnitten sind. Hier ist es wichtig, dass Kassen und Leistungserbringer mehr Möglichkeiten zu einzelvertraglichen Regelungen nutzen. In diesen müssen auch die Vermeidung von Wartezeiten und ideale Übergänge von einem Arzt zum anderen geregelt werden.
Die Verhältniszahlen Einwohner/Psychotherapeut variieren stark zwischen Stadt, Ballungsräumen und Land, und deshalb auch zwischen Rheinland und Westfalen-Lippe. Ist eine Reform der Bedarfsplanung notwendig?
Wir beschäftigen uns derzeit ganz intensiv mit der Frage, wie wir eine flächendeckende ärztliche und psychotherapeutische Versorgung sicherstellen können. Beispielsweise ist die heute zum Teil großflächige Bedarfsplanung nicht mehr sachgerecht. Es muss arztgruppenspezifisch möglich sein, kleinräumiger zu planen, so dass eine Überversorgung in der Kreisstadt eine Unterversorgung im Raum drumherum statistisch nicht nivelliert. Es braucht unterschiedliche Instrumente für urbane und ländliche Räume. Und wir müssen an die Kennziffern ran, die Verhältniszahlen sind fast zwanzig Jahre alt!
Depressionen werden immer noch häufig nicht richtig diagnostiziert oder nicht leitliniengerecht behandelt. Wie lässt sich die Versorgung qualitativ verbessern?
Ob es hier ein Defizit bei der Krankheit Depressionen gibt, kann ich nicht bewerten. Umso wichtiger ist es aber, dass Ärzte und Psychotherapeuten über das notwendige Expertenwissen verfügen, um Depressionen diagnostizieren und wirksam behandeln zu können. Dazu gehören auch Leitlinien und Versorgungsverträge.

