» Seite drucken
Psychotherapeuten
Kammer NRW


Kammer für Psychologische
Psychotherapeuten
und Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapeuten
Nordrhein-Westfalen

Interview Prof. Dr. Nina Heinrichs



Prof. Dr. Nina Heinrichs von der Universität Bielefeld führt die Evaluation des Modellprojekts „Familien optimal stärken“ durch.

 

Sind psychische Störungen von Kindern und Jugendlichen ein gesundheitspolitisches Problem?

Ja, circa 15 bis 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind psychisch auffällig, davon sind 16 Prozent klinisch auffällig. Am häufigsten sind Ängste (10 %) und Störungen des Sozialverhaltens (8 %). Insbesondere aggressive Verhaltensweisen sind über den gesamten Lebenslauf eines Kindes sehr stabil und schwer veränderbar. Die meisten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter bleiben jedoch unbehandelt. Psychische Störungen bei Kindern haben weitreichende Auswirkungen auf deren weiteres Leben. So beginnen 50 Prozent der psychischen Störungen von Erwachsenen bereits vor dem 14. Lebensjahr und 75 Prozent vor dem 24. Lebensjahr.

 

Prof. Dr. Nina Heinrichs, Universität Bielefeld
Prof. Dr. Nina Heinrichs, Universität Bielefeld

 

Gibt es eindeutige Risikofaktoren und sind diese veränderbar?

Wir wissen, dass viele Faktoren eine psychische Erkrankung wahrscheinlicher machen: Dazu gehören biologische Faktoren wie genetische Dispositionen, soziale Faktoren wie Arbeitslosigkeit und niedriger sozioökonomischer Status, aber auch mangelnde liebevolle Zuwendung und harte, körperliche Strafen sowie eine Depression der Mutter. Nicht alle Risikofaktoren sind unmittelbar veränderbar. Gerade weil familiäre Faktoren veränderbar sind, befinden sich Eltern und Kinder im Fokus präventiver gesundheitspolitischer Programme.

 

Wie wirksam ist Psychotherapie?

Psychotherapie ist in vielen Fällen eine wirksame Intervention, aber viel zu selten verfügbar. Die Wartezeiten auf einen ambulanten Behandlungsplatz sind oft lang, nicht selten sechs bis zwölf Monate. Würden alle Kinder, die gerade psychisch krank sind, behandelt, müsste jeder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in Deutschland etwa 1.000 Kinder behandeln – das ist schlechterdings unmöglich.

 

Sind Familientrainings eine Alternative?

Es gibt eine Vielzahl von Programmen, die die Erziehungskompetenz von Eltern verbessern und Kinder stärken sollen – sie sind aber selten ausreichend evaluiert. Weniger als zwei Prozent der Programme hatten laut einer Studie von Lösel und Kollegen eine begleitende Qualitätssicherung, weniger als ein Prozent wurden wissenschaftlich evaluiert. Was eine breit-flächige Einführung von evidenzbasierten Familientrainings erreichen kann, zeigte eine Studie zum Triple P-Programm in South Carolina/USA: Bezogen auf 100.000 Kinder unter acht Jahren konnten dort pro Jahr 688 Missbrauchsfälle, 240 Unterbringungen in Pflegeheimen und 60 Krankenhausaufnahmen wegen körperlicher Misshandlung vermieden werden.

SUCHE