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Psychotherapeuten
Kammer NRW


Kammer für Psychologische
Psychotherapeuten
und Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapeuten
Nordrhein-Westfalen

Lange Wartezeiten nicht hinnehmbar - Interview Barbara Steffens



Barbara Steffens ist seit 2. Juni 2000 Abgeordnete des Landtags für Bündnis 90/Die Grünen NRW und deren Sprecherin für Arbeitsmarkt-, Gesundheits-, Sozial- und Frauenpolitik.

 


Barbara Steffens, MdL,Bündnis 90/Die Grünen NRW
Barbara Steffens, MdL,Bündnis 90/Die Grünen NRW

 

Wie beurteilen Sie die Versorgung psychisch erkrankter Menschen in Deutschland?

Nach wie vor haben wir ein zu geringes Angebot an niedrigschwelligen wohnortnahen Angeboten, gerade im Bereich der Psychotherapie und hier verstärkt für Kinder, Jugendliche und Menschen mit geistiger Behinderung. Die langen Wartezeiten auf eine Behandlung insbesondere in der Kinder- und Jugendpsychotherapie sind nicht hinnehmbar. Grundsätzlich muss wesentlich stärker als bisher den Ursachen psychischer Erkrankungen entgegengewirkt werden. Krisen- und Notfalldienste sowie Diagnostik und Beratungsangebote müssen ausgebaut und darüber hinaus die Hilfen stärker am individuellen Hilfebedarf orientiert und die Lebenswelt der Menschen mit einbezogen werden. Die Zusammenarbeit der Kinder- und Jugendpsychotherapie muss u.a. mit der örtlichen Jugendhilfe und den Schulen gestärkt und bei der psychosozialen Versorgung müssen insgesamt die geschlechtsspezifischen Angebote und Zugangswege bei den Beratungen, Hilfen und Therapien weiterentwickelt und ausgebaut werden.

 

Brauchen wir eine Stärkung der gesprächsorientierten Medizin?

Ja, auf jeden Fall, denn eine stärkere Gesprächsorientierung ist Grundlage zur ganzheitlichen Erfassung von Krankheitsbildern und dem Erkennen von psychosomatischen Zusammenhängen.

 

Patienten haben seit dem Psychotherapeutengesetz die Möglichkeit, sich direkt an einen Psychotherapeuten zu wenden. Wie beurteilen Sie dieses niedrigschwellige Angebot?

Ich finde es gut, denn der vorherige Weg war langwierig, mühsam und für Menschen in akuten Krisen ohne Hilfe schwer zu gehen.

 

Patienten warten monatelang auf einen ambulanten psychotherapeutischen Behandlungsplatz. Viele Patienten erhalten deshalb nicht rechtzeitig eine psychotherapeutische Behandlung. Wie lässt sich dieser Engpass beheben?

Zum einen brauchen wir eine weitere Stärkung von noch niedrigschwelligeren Beratungs- und Selbsthilfestrukturen wie Erziehungs-, Familien-, Partnerschaftsberatungen. Zum anderen brauchen wir für diejenigen, die akuten Bedarf haben auch zeitnah Hilfeangebote. Dazu muss es eine Regelung geben, dass in Regionen mit überdurchschnittlichen Wartezeiten unkompliziert weitere Zulassungen ermöglicht werden. Auch die getrennte Betrachtung von Angeboten für Kinder und Jugendliche auf der einen Seite und Erwachsene auf der anderen Seite muss sich bei den Zulassungen deutlicher am Bedarf der Kinder orientieren. Es kann nicht sein, dass Ritalin nur verordnet wird, weil es gar keine ausreichenden Alternativangebote gibt.

 

Die Verhältniszahlen Einwohner/Psychotherapeut variieren stark zwischen Stadt, Ballungsräumen und Land, und deshalb auch zwischen Rheinland und Westfalen-Lippe. Ist eine Reform der Bedarfsplanung notwendig?

Grundsätzlich halte ich es für notwendig auch in der Fläche eine ausreichende Versorgung mit (Kinder-) PsychotherapeutInnen sicherzustellen. Allerdings sollten dabei auch die örtlichen und regionalen Strukturen und Bedarfe mit berücksichtigt werden. Gleichmäßigkeit macht dann einen Sinn, wenn die Bedarfe auch gleichmäßig verteilt sind. Ansonsten halte ich es für wichtig, flexible Lösungen für "Engpässe" zu schaffen.

 

Depressionen werden immer noch häufig nicht richtig diagnostiziert oder nicht leitliniengerecht behandelt. Wie lässt sich die Versorgung qualitativ verbessern?

Ich halte es für notwendig, nach der letzten öffentlichen Welle in Folge des Suizides eines Spitzensportlers jetzt zu einer Offensive in Richtung Diagnose- und Behandlungsoptimierung zu kommen. Dabei dürfen gerade die besonderen Zielgruppen wie Menschen mit Migrationshintergrund oder Altersdepressive nicht aus dem Blick geraten. Notwendig dabei ist auch, die zielgruppenspezifischen Zugangswege zu eröffnen.

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