Patienten warten Monate auf eine Behandlung – Praxisbeispiele
Psychotherapiepraxis Dortmund
Dortmund gehört in der Bedarfsplanung zur „Sonderregion“ Ruhrgebiet. „Sonderregion“ Ruhrgebiet heißt: die Großstädte des Ruhrgebiets werden nicht als Großstädte behandelt, sondern als Kreisstädte. Diese Eingruppierung in eine „Sonderregion“ lässt sich sachlich nicht begründen, die Bedarfsplaner haben hier willkürlich einen geringeren als den normalen großstädtischen Versorgungsgrad festgelegt. Deshalb liegt der offizielle Bedarf an psychotherapeutischen Behandlungsplätzen in Dortmund deutlich unter dem Bedarf von anderen deutschen Großstädten. In Düsseldorf oder Köln gelten 38,8 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner als ausreichend, in Dortmund sind es bereits 11,4.
Da jedoch so wenige Psychotherapeuten bei weitem nicht ausreichen, um in Dortmund die Menschen mit psychischen Erkrankungen zu behandeln, wurden inzwischen 21 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner zugelassen. Absurderweise gilt die Stadt deshalb als mit 191 Prozent „überversorgt“.
Würde Dortmund nicht als Kreis- sondern als Großstadt in die Bedarfsplanung eingehen, wäre sie dagegen mit 56 Prozent erheblich unterversorgt: Dann wären in Dortmund nur gut die Hälfte der Psychotherapeuten zugelassen, die notwendig sind, um dort die psychisch kranken Menschen ausreichend zu versorgen. Dies erklärt, warum Peter Santura, Psychotherapeut in Dortmund, nicht mehr weiß, wie er die vielen Anfragen nach einem Therapieplatz beantworten soll.
Peter Santura kann sich die Sätze schon nicht mehr sagen hören: „Nein, ich habe kurzfristig keinen Therapieplatz frei. Nein, ich habe in den nächsten Monaten schon alle Termine vergeben. Nein, es geht leider nicht. Tut mir sehr leid!“ Viele Patienten, die ihn anrufen, haben schon vom Hausarzt oder Bekannten gehört, dass in den psychotherapeutischen Praxen in Dortmund nichts mehr geht, jedenfalls nicht kurzfristig. Sechs bis neun Monate müssen Patienten bei Peter Santura auf einen freien Therapieplatz warten. „Ich bin Psychotherapeut geworden, um Menschen zu helfen und nicht um sie abzuweisen“, sagt Santura. „Die psychotherapeutische Versorgung in Dortmund ist desaströs und muss dringend verbessert werden. Wir brauchen unbedingt mehr Behandlungsplätze.“ Einige Patienten kommen aus Unna, Datteln und dem Sauerland. Manche nehmen Fahrten von einer Stunde in Kauf, nur damit sie endlich jemand haben, der sich ihrer annimmt.
Peter Santura ist Psychologischer Psychotherapeut für Erwachsene und Kinder. Seine Praxis platzt aus allen Nähten. 20 bis 30 Anfragen bekommt er im Monat. Manche Anrufer haben schon die gesamten Gelben Seiten runtertelefoniert und haben doch nicht mehr als einen Platz auf der Warteliste angeboten bekommen. Immer wieder erzählen sie deshalb schon am Telefon ihr ganzes Leid. Immer wieder fordern sie: „Ich brauche Ihre Hilfe jetzt!“ und immer wieder stellt sich für Peter Santura die Frage: „Ist es überhaupt zu verantworten, den Patienten dieses monatelange Warten zuzumuten.“ Santura verweist an Kliniken und Krisenzentren oder an die Kassenärztliche Vereinigung. Doch das strukturelle Problem ist von einer einzelnen Praxis einfach nicht zu lösen: In Dortmund herrscht ein gravierender Mangel an psychotherapeutischen Behandlungsplätzen. Daran muss sich bald etwas ändern.
Psychotherapiepraxis Iserlohn
Iserlohn gehört zum Märkischen Kreis. Nach der Bedarfsplanung ist dies ein „hochverdichteter“ Kreis, in dem 12,3 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner vorgesehen sind. Damit ist Iserlohn sogar besser gestellt als die Stadt Dortmund. Tatsächlich arbeiten in Iserlohn 15 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner. Deshalb gilt die Kleinstadt im Sauerland in der Bedarfsplanung mit 124 Prozent als „überversorgt“. Tatsächlich reichen die Therapieplätze auch hier nicht annähernd aus. Im Märkischen Kreis arbeiten elf Psychotherapeuten, die ausschließlich Kinder und Jugendliche behandeln.
Die Aussagen von Dr. Inez Freund-Braier lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Das Angebot an psychotherapeutischen Behandlungsplätzen für Kinder und Jugendliche ist in Iserlohn und der Umgebung absolut nicht ausreichend.“ Als sie ihre Zulassung erhielt hatte sie innerhalb von zehn Tagen eine Warteliste mit 60 Kindern. Inzwischen muss ein krankes Kind ein bis zwei Jahre warten, bis es an der Reihe ist. „Das ist katastrophal!“
Die Eltern reagieren häufig verzweifelt, hatten zuvor einen langen Anlauf genommen, um bei einer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin anzurufen, und sind dann wie vor den Kopf geschlagen: Weinen, schütten ihr Herz aus, wissen nicht mehr weiter. Manche kommen in die Praxis von Inez Freund-Braier, setzen sich hin und gehen nicht mehr weg, bis sie ein erstes Gespräch führen können. Wenn ein Verweis des Kindes von der Schule droht, das Kind die Schule schon länger nicht mehr besucht oder ein Suizidverdacht geäußert wird, muss die Psychotherapeutin handeln. Dann sieht sich Inez Freund-Braier das Kind sofort an, und überlegt, ob die drohende stationäre Behandlung noch zu vermeiden ist. Aber die angemeldeten Fälle werden immer kritischer und dramatischer.
45 Kinder hat Inez Freund-Braier durchschnittlich in Therapie, mehr geht nicht. Damit ist sie „maximal ausgelastet“. Wenn ich endlich einen Behandlungsplatz anbieten kann, sind die Erwartungen meist riesig. „Ganz schnell“ muss dann eine Lösung her für Entwicklungen und Heilprozesse, die aber nicht von heute auf morgen möglich sind. Die Behandlung von psychischen Erkrankungen braucht Zeit. Zeit, die die aktuelle Bedarfsplanung nicht vorsieht. Ein Psychotherapeut ist jede Minute persönlich gefordert, er kann nicht delegieren. Er muss selbst für seinen Patienten da sein. „Die Bedarfsplanung hat nichts mit dem tatsächlichen Bedarf zu tun, den ich tagtäglich in meiner Praxis feststelle“, berichtet Freund-Braier. „Das kann nicht so bleiben. Die Unterversorgung ist eklatant.“
