Psychotherapie in der Krebsbehandlung

- Dr. Rolf Stecker, Klinikum Herford
Interview mit Dr. Rolf Stecker
Das Klinikum Herford bietet schon seit 1995 krebskranken Patienten und ihren Angehörigen psychosoziale Beratung und Psychotherapie an. Seither sind rund 7.000 Menschen in über 27.000 Gesprächen psychologisch betreut worden. Dr. Rolf Stecker leitet das Institut für Psychoonkologie, das 2003 mit dem Gesundheitspreis NRW ausgezeichnet wurde.
Herr Dr. Stecker, wie reagieren Menschen auf die Diagnose, dass sie an Krebs erkrankt sind?
Für alle ist es ein stark belastendes Lebensereignis, das schwerwiegende Folgen für die Psyche haben kann. Eine Krebsdiagnose weckt vor allem eine massive Angst, sterben zu müssen, auch wenn dies tatsächlich heute häufig nicht mehr stimmt. Für viele Patienten ist es eine erhebliche Herausforderung, die Diagnose überhaupt zu verkraften. Die meisten fühlen sich aus ihrem sicheren Alltag herausgerissen, ihr Leben gerät aus den Fugen. Studien zeigen, dass fast jeder zweite Patient, dessen psychische Krise aufgrund einer Krebsdiagnose nicht behandelt wird, später eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Insgesamt erkrankt mindestens jeder dritte Krebspatient auch psychisch.
Was kann die Psychoonkologie leisten?
Sie kann vor allem ein Gespräch über die seelischen Nöte bieten. Der Psychoonkologe kann mit dem Patienten zusammen herausfinden, wie sehr die Krebsdiagnose das seelische Gleichgewicht gefährdet hat. Er kann informieren und beraten, unterstützen und, wenn nötig, auch eine Psychotherapie anbieten. Häufig sind Psychoonkologen Mittler zwischen den Wünschen und Ängsten der Betroffenen und den Belastungen, die durch Klinik und medizinische Therapie erzeugt werden.
Wie gehen sie in Herford vor?
Wir machen im Klinikum Herford so früh wie möglich auf unsere psychosozialen Angebote aufmerksam. Im ersten Gespräch ist es wichtig, überhaupt zu klären, wie es dem Patienten tatsächlich geht. Wir haben die Screening-Fragebögen deshalb verändert und von einem Instrument für Psychotherapeuten zu einem Hilfsmittel für Patienten gemacht, mit denen er sich selbst beurteilen kann. Ein solcher Fragebogen darf nicht sehr umfangreich sein, weil der Patient anfangs im Klinikum mehr als genug Papierkram zu erledigen hat. Mit ihm sollten allerdings zuverlässig Depression und Angststörungen zu erkennen sein. Die Ergebnisse zeigen: Nur ein Viertel benötigt keine psychosoziale Beratung und Unterstützung. Die große Mehrheit der Patienten ist psychisch verunsichert oder zeigt sogar Symptome einer psychischen Erkrankung.
In Nordrhein-Westfalen muss in den 51 Brustzentren zukünftig arbeitstäglich ein Psychotherapeut verfügbar sein. Ist diese Vorschrift ein wichtiger Fortschritt?
Diese neue Anforderung an zertifizierte Brustzentren ist ganz, ganz wichtig. Es ist qualitativ ein großer Sprung, wenn auf einen qualifizierten Psychotherapeuten zurückgegriffen werden kann. Ein solches Angebot ist auch mehr als angemessen, wenn man sich vor Augen führt, welche psychischen Belastungen für die Mehrheit der Patienten mit einer Krebsdiagnose verbunden sind.
Nach der körperlichen Behandlung sind die psychischen Belastungen nicht vorbei. wie gewährleisten sie eine psychotherapeutische Behandlung nach der Klinik?
Die Wartezeiten von niedergelassenen Psychotherapeuten sind definitiv zu lang. Ein Patient muss bei einem ambulant tätigen Psychotherapeuten nicht selten sechs Monate auf einen Behandlungstermin warten.
In Herford nutzen deshalb rund 30 Prozent der Patienten die ambulante Psychotherapie, die das Klinikum bietet. Jeder Patient, der bei uns behandelt wurde, kann sich weiter ambulant psychotherapeutisch behandeln lassen – kostenfrei, ohne Antrag und so oft und so lange der Patient möchte. Das können drei, vier, fünf Sitzungen sein, aber auch 200 bis 300 Sitzungen. Die Kosten decken wir über die stationären Behandlungspauschalen (DRG). Da dies nicht unerhebliche Kosten sind, haben wir schon bei der KV Westfalen-Lippe beantragt, für dieses ambulante Behandlungsangebot eine Zulassung zu bekommen. Das wurde jedoch abgelehnt.
E-Mail: po.stecker@klinikum-herford.de
