Süchtige früher zur Behandlung motivieren

- Prof. Dr. Fred Rist, Universität Münster
Interview mit Prof. Dr. Fred Rist
„Psychotherapie bei Sucht“ ist das Schwerpunktthema des 5. Jahreskongresses Psychotherapie am 24./25. Oktober in Bochum. Prof. Dr. Fred Rist von der Universität Münster beschreibt im Interview, wie sich insbesondere durch Prävention und frühzeitige Motivation lange Suchtkarrieren vermeiden lassen.
Herr Prof. Rist, NRW arbeitet an einem Landeskonzept Sucht. Wo besteht aus Ihrer Sicht der größte Handlungsbedarf?
Deutschland hat ein weltweit herausragendes System für schwer Suchtkranke. Wir haben ein breites Netz an Suchtberatungsstellen und stationären Einrichtungen für Suchtkranke, deren Abhängigkeit stark ausgeprägt ist, z.B. schwer Alkoholabhängige, die jahrelang behandelt werden müssen. Menschen mit leichten und mittleren substanzbezogenen Störungen, die noch nicht abhängig sind, aber Alkohol, Tabak oder Medikamente in riskanten Mengen gebrauchen, werden in unserem Gesundheitssystem zu spät erkannt und angesprochen.
Ein Alkoholsüchtiger, der erstmals stationär behandelt wird, hat durchschnittlich bereits eine zehnjährige suchtkarriere hinter sich. Das ist erstaunlich lang.
Es zeigt vor allem, dass hier noch ein erhebliches Potenzial besteht, Suchtkranke früher zu behandeln und damit schwerste Abhängigkeiten zu vermeiden. Allerdings halten sich noch hartnäckig Bilder z.B. eines Alkoholabhängigen, der angeblich erst behandelbar ist, wenn er seine Arbeit, seine Partnerin und seinen Führerschein verloren hat. Dieses überholte Bild geht davon aus, dass sich ein Suchtkranker erst in Behandlung begibt, wenn er sein Leben ruiniert hat und ganz unten angekommen ist. Tatsächlich erschwert dieses lange Abwarten die Behandlung sogar. Suchtkranke lassen sich durchaus früher von den Vorteilen einer Suchtbehandlung überzeugen. Es geht also um Kranke, die zwar schon die ersten gesundheitlichen Auswirkungen der Sucht spüren, aber noch nicht psychisch oder sozial auffällig sind.
Wie lässt sich eine frühzeitige Motivation erreichen?
Zum einen müssen niedergelassene Ärzte, allgemeine Krankenhäuser und psychosoziale Beratungsstellen in ein Versorgungskonzept einbezogen werden. Die Schwelle für Suchtkranke, die Beratung z.B. durch ihren Hausarzt zu nutzen, ist gering. Viel wäre schon gewonnen, wenn Hausärzte systematisch abfragen, ob und wie oft ein Patient Alkohol, Tabak oder Medikamente konsumiert, ob bereits Symptome für einen Substanzmissbrauch,
psychische oder körperliche Abhängigkeit bestehen. Außerdem geht eine Suchtkrankheit häufig mit anderen psychischen Störungen einher. Solche Angst- und affektiven Störungen sowie Persönlichkeitsstörungen lassen sich erkennen.
Diese frühe Identifizierung Suchtkranker sollte durch eine bessere sekundäre Versorgung ergänzt werden. Psychotherapeuten sollten auch Suchtkranke behandeln können. Bisher ist Psychotherapie gesetzlich nur möglich, wenn sie körperlich entwöhnt und abstinent sind. Das ist zu spät. Psychotherapie kann bereits frühzeitig und ambulant genutzt werden, um eine schwere Suchterkrankung zu verhindern.
Bei Suchterkrankungen ist das Rückfallrisiko besonders hoch. lässt sich dieses Risiko durch ambulante Psychotherapie senken?
Patienten, die wegen einer Angststörung behandelt wurden, sind noch lange danach stabil. Bei Suchtkranken kommt es erschreckend schnell zu Rückfällen. Eine Psychotherapie, die direkt an eine stationäre Behandlung anschließt, könnte entscheidend helfen, die Behandlungserfolge zu verbessern.
Kann man auch sagen, welche Hilfsangebote nicht helfen?
Als nicht wirksam haben sich z.B. allgemeine Lebensberatung, unspezifische Stressbewältigungstrainings und Konfrontation erwiesen. Die Intervention muss schon spezifische Komponenten enthalten, die das Suchtverhalten bearbeiten. Sehr wirksam sind beispielsweise Verhaltenstrainings, die auf mögliche Rückfallsituationen vorbereiten.
Männer und Frauen greifen zu unterschiedlichen Suchtmitteln. Müssen sie auch unterschiedlich behandelt werden?
Das geschieht im selben Maß wie bei der Behandlung anderer psychischer Störungen. Ich halte ein Behandlungskonzept für richtig, das den Patienten mit substanzbezogenen Störungen grundlegende Fertigkeiten und Einstellungen vermittelt. Psychotherapie ist hierbei deshalb erfolgreich, weil sie die Behandlung an den einzelnen Patienten anpassen kann. Der Psychotherapeut ist ein Behandler, mit dem ein Patient sein persönliches Leiden durchsprechen kann. In unserer Ambulanz fragen wir natürlich, ob der Patient einen Mann oder eine Frau als Behandler bevorzugt. Aber danach ist die Person des Patienten weit wichtiger als sein Geschlecht.
E-Mail: rist@psy.uni-muenster.de
