Psychotherapeut im Krankenhaus – Interview mit Christine Bäuchle
Christine Bäuchle ist Psychologische Psychotherapeutin und arbeitet an der Klinik Wittgenstein in Bad Berleburg, ein Krankenhaus für die Fachgebiete Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, sowie Psychiatrie und Psychotherapie.
Warum arbeiten Sie als Psychotherapeutin im Krankenhaus?
Die stationäre Psychotherapie erfolgt stärker teamorientiert, die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist hierbei wichtig und das macht die Arbeit interessant und abwechslungsreich. Das gefällt mir. Außerdem ist es für Psychologische Psychotherapeuten, die ihre Approbation erst in den letzten Jahren erworben haben, momentan schwer bis nahezu unmöglich sich niederzulassen.
In was für einem Krankenhaus arbeiten Sie?
Ich arbeite in einem Krankenhaus für psychosomatische, psychoanalytische und sozialpsychiatrische Medizin. Aktuell arbeite ich auf zwei Stationen. Zum einen betreue ich die Station für Alterspsychotherapie, die der psychoanalytischen Abteilung zugeordnet ist. Dort arbeite ich psychotherapeutisch und behandle zurzeit durchschnittlich zehn Patienten für die Dauer ihrer Behandlung, d.h. in der Regel für ca. acht bis neun Wochen. Zum anderen bin ich als ständige Stellvertreterin des Leiters der Station für Aufnahme, Diagnostik und Medizincontrolling tätig. Im Bereich der Alterspsychotherapie werden Patienten, die mindestens das 50. Lebensjahr überschritten haben behandelt. Es finden sich dort im Prinzip alle stationär behandlungsbedürftigen Krankheitsbilder. Auf dieser Station erfolgt die Arbeit schwerpunktmäßig in der Auseinandersetzung mit altersbedingten Schwierigkeiten, wie beispielsweise dem Nachlassen der eigenen Leistungsfähigkeit oder des Verlustes von sozialen Bezügen, z.B. durch Vereinsamung, durch den Tod naher Angehöriger oder eines Ehepartners. Stehen dagegen sehr deutlich ausgeprägte psychosomatische oder psychiatrische Krankheitsbilder im Vordergrund, würde die Behandlung auf einer entsprechenden Station erfolgen.
Wie erfolgt die Aufnahme eines Patienten in Ihre Klinik?
Ein Spezifikum dieser Klinik ist die Aufnahmeabteilung. Hierbei haben die Patienten die Möglichkeit, einen viertägigen Aufenthalt vor der endgültigen Aufnahme zu absolvieren. Dabei lernen sie die Klinik kennen und es kann so eine ausführliche und differenzierte Diagnostik erfolgen, so dass eine störungsspezifische Behandlung möglich wird. Auch Ambivalenzen oder Unsicherheiten können so besser geklärt werden, was sich sehr positiv auf die Abbruchquote auswirkt.
Wie sieht Ihre Arbeit aus?
Meine Tätigkeiten sind sehr abwechslungsreich. Neben den therapeutischen Einzelgesprächen führe ich auch Gruppensitzungen durch. Außerdem finden Team- und Stationsbesprechungen sowie regelmäßige Supervisionen statt. Ferner ist Diktieren ein Teil meiner Arbeit, für Verlängerungen der Kostenzusage, Entlassberichte etc. Regelmäßig werden auch Erstinterviews durchgeführt. Der Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Psychotherapie. In meiner Tätigkeit als Stellvertreterin des Leiters der Aufnahmeabteilung obliegt mir bspw. die Überprüfung, inwieweit dem Patienten ein passendes Behandlungsangebot gemacht werden kann. Anschließend erfolgt gegebenenfalls die indikationsspezifische Stationszuweisung. Dieser Teil meiner Tätigkeit ist sehr abwechslungsreich. Dabei gilt es verschiedene Zusammenhänge zu berücksichtigen, sowohl inhaltlicher als auch formaler Natur, komplexe diagnostische Fragen zu klären und vor allen Dingen auch einen guten Kontakt zu den Patienten aufzubauen.
Wie ist die Zusammenarbeit mit den ärztlichen Kollegen?
Die Zusammenarbeit mit den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen ist in der Klinik sehr gut. Bisher arbeiteten Psychologen und Ärzte praktisch gleichberechtigt in der psychotherapeutischen Versorgung der Patienten. Zwischenzeitlich sind es vorwiegend Psychologinnen und Psychologen, die die psychotherapeutische Versorgung gewährleisten und die Ärzte sind stärker in der somatischen Versorgung eingebunden. Neben einer Tradition der egalitären Zusammenarbeit, ist die größtenteils gemeinsam absolvierte Weiter- bzw. Ausbildung hierbei sicherlich sehr förderlich. Dazu gehört auch, dass Psychologische Psychotherapeuten in Leitungsfunktionen arbeiten.
Macht Ihr Haus gegenüber den Patienten und nach außen deutlich, wie wichtig Psychotherapie in der Behandlung ist?
Zeitweise gab es eine Vortragsreihe in der Klinik über psychische Erkrankungen, Hintergrundinformationen und verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Aktuell gibt es eine Beteiligung an der Kampagne „Bündnis gegen Depression“.
Welche Vorteile hat die stationäre Behandlung einer psychischen Krankheit?
Die Vorteile einer stationären gegenüber einer ambulanten Behandlung sind meines Erachtens die Intensität der Behandlung, wenn z.B. eine ambulante Behandlung nicht mehr ausreicht, weiter die Möglichkeit interdisziplinär zu arbeiten. So ergeben sich nicht nur verschiedene Behandlungsoptionen, sondern auch ein zusätzlicher diagnostischer Gewinn. Außerdem ist auch der Abstand von dem häuslichen Umfeld oft hilfreich, vor allem bei pathogenen Bedingungen in den sozialen Beziehungen. In einem anderen als dem vertrauten Umfeld, lässt sich Manches leichter erkennen und es ergeben sich Möglichkeiten, etwas Neues auszuprobieren.
Was sollte sich ein psychisch kranker Mensch fragen, wenn er sich überlegt, in welchem Krankenhaus er sich behandeln lässt?
Meines Erachtens ist es sinnvoll von der Frage auszugehen „Was ist mein Ziel, was erhoffe ich mir von einer Behandlung?“ und von dort aus den Versuch zu unternehmen, herauszufinden, ob mir eine bestimmte Klinik beim Erreichen dieses Ziels helfen kann. Es ist auch wichtig, die eigenen Schwerpunkte zu bestimmen, ist mir bspw. eine fundierte Psychotherapie das Wichtigste oder hat ein Einzelzimmer mit eigenem Bad die höchste Priorität. Außerdem würde ich mich im Internet über entsprechende Kliniken informieren, mir deren Homepage ansehen und mir auch über Seiten zu Klinikbewertungen ein Bild machen.

