GKV-Versorgungsstrukturgesetz: Bis 2013 kein Praxisabbau!
Die nordrhein-westfälischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben viel geschafft: Wie bisher noch bei keinem anderen gesundheitspolitischen Gesetz war die psychotherapeutische Versorgung Gegenstand der Beratung zum GKV-Versorgungsstrukturgesetz und damit auch die Frage, warum psychisch kranke Menschen so lange auf einen Therapieplatz warten müssen. Durch das Engagement vieler Kolleginnen und Kollegen wurden zahlreiche Bundestagsabgeordnete auf die Not psychisch kranker Patienten aufmerksam, die dringend eine Behandlung benötigen, aber keinen Psychotherapeuten finden, der noch einen Termin frei hat.
Das große Ziel, der Ausbau der ambulanten Psychotherapie, ist noch nicht erreicht. Doch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr reagierte und sagte ein Moratorium zu: Bis 2013 soll es keinen Abbau psychotherapeutischer Praxen geben. Bis dahin soll der Gemeinsame Bundesausschuss eine „präzisere Bedarfsplanung“ schaffen und damit eine angemessene Grundlage für die Entscheidung, wie viele psychotherapeutische Praxen wo notwendig sind.
Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen berichteten vielfach und ausführlich über die psychotherapeutische Unterversorgung und die Gefahr, dass durch das geplante GKV-Versorgungsstrukturgesetz sogar noch psychotherapeutische Praxissitze abgebaut werden. Die Rheinische Post titelte: „Zu wenig Therapieplätze. Die Psychotherapeuten in Deutschland fürchten um ihre Existenz. Nach dem neuen Versorgungsgesetz können ihre Praxen teilweise aufgekauft werden. Allerdings fehlen heute schon Therapieplätze.“
Der Kölner Stadt-Anzeiger schrieb: „Psychotherapeuten verzweifelt gesucht. Rund 6.000 Praxissitze sollen mit neuer Gesetzeslage schließen. Die Wartezeiten werden dadurch noch länger.“ Die Münsterländische Volkszeitung stellte fest: „Bundestag berät neues Versorgungsgesetz. Noch längeres Warten beim Therapeuten.“
Beispiel Recklinghausen
Viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten schrieben an ihre Bundestagsabgeordneten und knüpften Kontakte zu anderen Einrichtungen im Gesundheitswesen. Stellvertretend für viele seien hier die Gespräche des PsyNet e.V. in Recklinghausen geschildert. In Recklinghausen wartet ein psychisch kranker Mensch durchschnittlich mehr als vier Monate auf ein erstes Gespräch beim Psychotherapeuten.
Während der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Mißfelder weder persönlich noch telefonisch zu sprechen war („sehr beschäftigt“, „viel im Ausland“), zeigten sich die beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Groß und Frank Schwabe gesprächsbereit: Frank Schwabe war zu einem persönlichen Gesprächstermin in seiner Bürgersprechstunde in Castrop-Rauxel bereit und „sehr offen und interessiert“. Schwabe stellte in einem Brief anschließend fest, dass insbesondere die starre Berechnungsgrundlage „zu Missinterpretationen bei der Frage von Überversorgung führen kann“. Michael Groß war telefonisch erreichbar und antwortete zusätzlich in einem Brief, sich für eine Reform der Bedarfsplanung einzusetzen, in der sowohl die Morbidität als auch die Erreichbarkeit berücksichtigt werden müssten.
Die örtlichen Beratungsstellen in Recklinghausen kritisieren seit langem die mangelhafte Versorgung psychisch kranker Menschen. Die Telefonseelsorge im Kreis Recklinghausen berichtet: „Im Jahr 2010 erreichten uns rund 19.000 Anrufe, die zu 10.000 Beratungsgesprächen führten. In jedem fünften Gespräch ging es um die Erfahrung mit psychischer Erkrankung, in den vergangenen zehn Jahren haben sich die Gespräche vervierfacht.“ Die Wartezeiten seien für viele Anrufer nicht zu verkraften. „Frustriert geben sie auf oder lassen sich erst gar nicht motivieren, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Die Recklinghausener Telefonseelsorge betont: „Durch diese Verknappung der Ressource Psychotherapie auch für gesunde Menschen, die in Krisenzeiten dringend Unterstützung brauchen, entsteht eine unhaltbare Situation, die ihre seelische Gesundheit bedroht.“
Die Ehe-, Familien- und Lebensberatung in Dorsten stellt fest, dass viele Ratsuchende bereits lange Zeit nach einem Psychotherapieplatz suchen und dann ersatzweise eine Beratungsstelle anrufen. Die Frauenberatungsstelle in Recklinghausen bestätigt, dass „immer mehr Klientinnen die Frauenberatung aufsuchen, weil die Wartezeiten in psychotherapeutischer Versorgung sehr lang sind“. Ein Abbau von Praxissitzen würde die „ohnehin schon mangelhafte Situation erheblich verschlechtern“. Die AG Suizidprävention Recklinghausen zählte im Jahr 2008 56 Menschen, die sich das Leben nahmen. Selbstverständlich ließen sich nicht alle Todesfälle eindeutig als Suizid bestimmen. Doch 90 Prozent der Menschen, die sich das Leben nahmen, litten unter einer psychischen Erkrankung.
„Somit wird deutlich, dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Suizid und psychischer Erkrankung besteht“, stellt die AG Suizidprävention Recklinghausen fest.
Bedarfsplanung weiterentwickeln
Auch die nordrhein-westfälische Landesregierung stellte fest: „Die Bedarfsplanung bildet den heutigen Versorgungsbedarf nicht ausreichend ab.“ Eine Weiterentwicklung sei erforderlich, „auch damit unverhältnismäßig lange Wartezeiten in der psychotherapeutischen Behandlung abgebaut werden können“. Die Bundesländer forderten in ihrer Stellungsnahme zum GKV-Versorgungsstrukturgesetz, die Verhältniszahlen für Psychotherapeuten neu zum 1. Januar 2012 zu berechnen. „Durch ein verändertes Inanspruchnahmeverhalten psychotherapeutischer Leistungen sind teils sehr lange Wartezeiten (drei Monate und mehr) entstanden. Auch die teils gravierenden Unterschiede bei den Verhältniszahlen zwischen städtischen und ländlichen Regionen führen zu Verwerfungen im Versorgungsgeschehen.“
