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Psychotherapeuten
Kammer NRW


Kammer für Psychologische
Psychotherapeuten
und Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapeuten
Nordrhein-Westfalen

Sexuelle Störungen und Psychotherapie – 7. Jahreskongress Psychotherapie



Beim 7. Jahreskongress Psychotherapie diskutierten rund 380 Teilnehmer in 54 Workshops aktuelle Forschungsergebnisse und praktische Behandlungskonzepte. Damit ist dieser vom Hochschulverbund Psychotherapie NRW und der Psychotherapeutenkammer NRW gemeinsam veranstaltete Kongress inzwischen der größte jährlich stattfindende Psychotherapiekongress in Deutschland.

 

Prof. Dr. Uwe Hartmann

Prof. Dr. Uwe Hartmann von der Medizinischen Hochschule Hannover berichtete in seinem Hauptvortrag, wie sexuelle Funktionsstörungen heute zu begreifen und welche Psychotherapiekonzepte sinnvoll sind. Sexuelle Dysfunktionen sind sehr häufige, alle Altersgruppen und Männer wie Frauen treffende Gesundheitsprobleme. In einer US-amerikanischen Studie von 1994 gaben insgesamt 43% der Frauen und 35% der Männer an, im Jahr vor der Befragung unter signifikanten, mindestens mehrere Monate bestehenden sexuellen Funktions- bzw. Appetenzproblemen gelitten zu haben. Bei den Frauen stellen Probleme der sexuellen Appetenz sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch im klinischen Bereich die mit Abstand bedeutsamste Dysfunktion dar. Bei den Männern führt die Störung mit der höchsten Prävalenz, der vorzeitige Orgasmus, viel seltener zur Inanspruchnahme professioneller Hilfe als die Erektionsstörung, die deshalb und aufgrund ihres engen Zusammenhangs zu anderen Krankheitsbildern (Diabetes, Hypertonus, koronare Herzkrankheit, neurologische Krankheiten) die klinisch bedeutsamste Störung des Mannes darstellt. In Deutschland ist derzeit von ca. 5 Millionen erektionsgestörter Männer auszugehen; aufgrund der Alterskorreliertheit wird diese Zahl bis zum Jahr 2025 auf mindestens 7 Millionen Männer ansteigen.

 

Die Methoden der klassischen Sexualtherapie seien sehr wirksam und könnten fast 100 Prozent der Frauen bei primärer Anorgasmie und 60 bis 65 Prozent der Männer bei Erektionsstörungen helfen, erläuterte Hartmann. Der Erfolg der Sexualtherapie hänge wesentlich von der Qualität der Paarbeziehung ab, insbesondere davon, ob die Frau an der Fortführung der Beziehung interessiert sei und der Mann sich auf eine Psychotherapie einlassen könne. Die klassischen erfahrungsorientierten Übungen kämen deshalb heute erst später im Behandlungsverlauf zum Einsatz, wenn für diese sehr wirksamen sexualtherapeutischen Techniken der Boden bereitet sei. Prof. Dr. Tanja Michael von der Universität des Saarlandes referierte über die Folgen sexueller Gewalt. Entgegen dem Eindruck aus der großen öffentlichen Debatte über den sexuellen Kindesmissbrauch in Schulen und Internaten, werden Kinder und Jugendliche nach einer jüngst veröffentlichten Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen heute seltener sexuell bedrängt oder vergewaltigt als noch vor 20 bis 30 Jahren. Für die Opfer seien die unmittelbaren und Langzeitfolgen jedoch erheblich, erklärte Michael. Zu den langfristigen seelischen Folgen eines Missbrauchs oder einer Vergewaltigung gehörten Posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen, Angststörungen, Abhängigkeitserkrankungen (Nikotinabhängigkeit, Alkoholabhängigkeit etc.), Essstörungen, dissoziative Störungen und die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Gewalterfahrungen seien außerdem ein relevanter Risikofaktor für späteres gewalttätiges Verhalten. Ein Viertel bis ein Drittel der Opfer werde später selbst zum Täter. Früher sexueller Missbrauch mit emotionaler Vernachlässigung und familiärer Dysfunktion seien Entwicklungs- und Risikofaktoren für Pädophilie, Exhibitionismus und andere sexuelle Präferenzstörungen.

 

Bei der Psychotherapie nach sexueller Gewalt stellen Ekelgefühle häufig ein zentrales Symptom dar. Solche Ekelgefühle können zu einer massiven Vermeidung intimer Kontakte führen und mit einem Verlust von sexueller Appetenz oder Erregung verbunden sein. Im Anschluss an die Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung spiele daher die Überwindung der Ekelgefühle eine besondere Rolle, um die sexuelle Störung überwinden und die sexuelle Genussfähigkeit wiederherstellen zu können.

 

Psychotherapie bei paraphilen Störungen war das Thema von Prof. Dr. Peer Briken vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Patienten mit Paraphilien seien nicht gleichzusetzen mit Sexualstraftätern. Sexualstraftäter hätten häufig keine Paraphilie (z.B. Pädophilie, Sadismus), aber sehr häufig Beziehungsstörungen und sexuelle Probleme/Auffälligkeiten. Wesentliche Symptome der paraphilen Störungen seien wiederkehrende, intensive sexuell erregende Phantasien, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen, bezogen auf nicht-menschliche Objekte, das Leiden oder die Demütigung von sich selbst oder eines Partners oder Kinder und andere nicht einwilligende bzw. nicht einwilligungsfähige Personen. Briken stellte das RNR-Modell vor. Danach ist zunächst das Risikopotenzial des einzelnen Täters, neue Taten zu begehen, abzuschätzen (risk). Dann seien die konkreten kriminogenen Bedürfnisse in den jeweiligen Therapiezielen zu berücksichtigen (need) und insbesondere die Vermeidungsziele festzulegen. Schließlich gelte es zu überprüfen, auf welche therapeutische Programme der jeweilige Täter anspreche (responsivity).

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