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Psychotherapeuten
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Kammer für Psychologische
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Nordrhein-Westfalen

Ambulante Gruppenpsychotherapie ausbauen



Patienten bekommen in der ambulanten Versorgung kaum Psychotherapie in Gruppen angeboten. Dr. Wolfgang Groeger und Hermann Schürmann, Vorstandsmitglieder der Psychotherapeutenkammer NRW, diskutieren Möglichkeiten, die Vorteile der Gruppenpsychotherapie in der Versorgung besser zu nutzen.

 

Dr. Wolfgang Groeger
Dr. Wolfgang Groeger

Ist Gruppenpsychotherapie zur Behandlung von Depression sinnvoll?

Schürmann: Im stationären Bereich ist Gruppentherapie bereits eine weitverbreitete Behandlungsform, bei akuten ebenso wie bei chronischen Depressionen, allein oder in Kombination mit Einzeltherapie. Früher oder später im Therapieprozess ist Gruppentherapie bei nahezu allen depressiven Patienten angebracht.

 

Welche Vorteile bietet die Gruppenpsychotherapie depressiven Patienten?

Groeger: In jeder Gruppentherapie werden zusätzliche Wirkfaktoren wirksam, die es in der Einzeltherapie so nicht gibt. Der Patient hat es hier eben nicht nur mit einem Therapeuten zu tun, sondern zusätzlich mit anderen Patienten, mit denen er Gemeinsamkeiten entdecken und teilen kann, von denen er „am Modell“ lernen und denen er auch selber Modell sein kann, mit denen er bei der Erarbeitung von Problemlösungen und Änderungsschritten kooperieren kann, Zusammenhalt und Unterstützung erfahren kann.

 

Schürmann: Für depressive Patienten sind das alles ganz besonders wichtige Erfahrungen, weil sie sich in der Depression zurückziehen und sich in ihren depressiven Grübeleien verlieren. In der Gruppe können sie hautnah erleben, welche Konflikte ihnen besondere Schwierigkeiten machen, die Depressionen verstärken.

 

Warum wird in der ambulanten Versorgung kaum Gruppentherapie durchgeführt?

Schürmann: Im stationären Bereich gehören Gruppenangebote zum Standard. Dabei haben die Therapeuten alle Freiheiten, Gruppentherapie und Einzeltherapie nach den Erfordernissen der Patienten und des Behandlungsprozesses zu gestalten.

 

Groeger: Im ambulanten Bereich ist das Gegenteil der Fall: Standard ist die Einzeltherapie, jede Therapie muss einzeln beantragt und begründet werden, jeder Patient wird einzeln einbestellt und der Therapeut stellt sich nur auf ihn und seine Therapie ein, der Blick auf alle seine Patienten ist unter diesen Bedingungen fremd. In der Einzelpraxis fehlt es z.B. oft an ausreichend großen und eingerichteten Gruppenräumen, die sich ja amortisieren müssen, und an der Möglichkeit, Gruppen zu zweit, mit einem Kotherapeuten durchzuführen.

 

Sind die Regelungen zur Gruppenpsychotherapie in der Psychotherapie-Richtlinie noch zeitgemäß oder gar evidenzbasiert?

Groeger: Für die Verhaltenstherapie sind die derzeitigen Regelungen alles andere als zeitgemäß oder evidenzbasiert. Als Beispiel sei auf das Gruppenkonzept für die ambulante Therapie akuter Depressionen des Kompetenznetzes Depression von Hautzinger & Kischkel verwiesen, das wissenschaftlich evaluiert ist, von Patienten gut angenommen wird und ähnlich wirksam ist wie das Medikament Sertralin aber im Rahmen der GKV-Versorgung nur in Kombination mit (im Konzept nicht vorgesehener) Einzeltherapie beantragt werden kann.

 

Schürmann: Auch bei tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie sollte die Kombination von Einzel- und Gruppenpsychotherapie möglich sein, wenn dies im Antrag begründet wird. Die Erfahrungen im stationären Bereich zeigen, dass sich beide Settings gegenseitig befruchten können.

 

Wie ließe sich die ambulante Gruppenpsychotherapie stärken?

Groeger: Was die Situation grundsätzlich verändern würde, wäre eine ähnliche Regelung wie bei der „begleitenden Behandlung von Bezugspersonen“. Dort kann nach im Schnitt jeder vierten Einzeltherapiesitzung eine Sitzung mit den Bezugspersonen erbracht werden, zusätzlich zu dem bewilligten Stundenkontingent. Wird das nicht gebraucht, wird es auch nicht in Anspruch genommen. Ein besonderer Antragsund Begründungsaufwand entfällt. Gruppentherapie wäre so eine Option, die in jeder Behandlung immer präsent ist. Zusätzlich müsste es möglich sein, Gruppentherapie ohne allzu großen Aufwand allein, also ohne Kombination mit Einzeltherapie zu beantragen. Für die Verhaltenstherapie mit ihren strukturierten Gruppenkonzepten wäre es sachgerecht, für die acht Teilnehmer ein- und derselben Gruppe nur einen Antrag schreiben zu müssen. Schließlich muss das Honorar für die Gruppentherapie so erhöht werden, dass eine Gruppe auch von zwei Therapeuten durchgeführt werden kann und dass sich die Kosten für einen Gruppenraum in der Praxis amortisieren.

 

Schürmann: Wichtig ist, dass der Antragsaufwand reduziert und die Bezahlung von der Anzahl der teilnehmenden Patienten entkoppelt wird. Außerdem sollten Erfahrungen mit Gruppenpsychotherapie selbstverständlicher Teil der Ausbildung sein.

 

Hermann Schürmann
Hermann Schürmann
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