Editorial: NVL Depression – Leitlinie für eine bessere Versorgung
Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
Die Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) Unipolare Depression ist die erste kombinierte Behandlungs- und Versorgungsleitlinie für psychische Störungen. An ihrer Entwicklung waren unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde insgesamt 28 Fachgesellschaften und Berufsverbände sowie Patientenund Angehörigenvertreter beteiligt, darunter auch die Bundespsychotherapeutenkammer.
Nun geht es darum, dass die Leitlinie in der Versorgungspraxis umgesetzt wird und Patienten eine Behandlung angeboten bekommen, die diesen aktuellen wissenschaftlichen Empfehlungen entspricht. Hierfür wird sich die Versorgung stärker als bisher am Bedarf der Patienten ausrichten müssen: Eine Leitlinie ist erst dann wirksam, wenn ihre Empfehlungen bei der Patientenversorgung berücksichtigt und ihre Empfehlungen bei der Behandlung jedes einzelnen Patienten überprüft und angepasst werden.
Depressive Störungen gehören zu den häufigsten Beratungsanlässen und Erkrankungen in der Versorgung. Fast jeder Fünfte erkrankt während seines Lebens an einer Depression. Die Erforschung der Behandlungsmöglichkeiten hat in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht, dennoch bestehen in allen Bereichen der Versorgung Optimierungspotenziale, insbesondere hinsichtlich einer abgestuften und vernetzten Versorgung zwischen haus-, fachärztlicher und psychotherapeutischer Behandlung sowie der Indikationsstellung für ambulante und stationäre Behandlungsmaßnahmen und deren Abstimmung.
Systematisch entwickelte, evidenzbasierte Leitlinien sind ein wichtiges Instrument für die Sicherung und Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung. Sie liefern auf methodisch höchstem Niveau wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Handlungsempfehlungen. Sie sind wichtige Orientierungshilfen und verlässliche „Handlungs- und Entscheidungskorridore“, von denen in begründeten Einzelfällen abgewichen werden kann bzw. ggf. sogar muss.
Die seit November 2009 veröffentlichte Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) Depression ist eine wichtige Informationsbasis für Patienten. Sie ermöglicht ihnen, eine aktive und selbstbestimmte Rolle in der Behandlung ihrer Erkrankung zu übernehmen. Die Patientenleitlinie der NVL kann als Patienteninformation z. B. hilfreich sein, das richtige Krankenhaus zu finden. Der Patient kann auf ihrer Basis gezielt nachfragen, welche Versorgung durch wen und in welcher Intensität das einzelne Krankenhaus bietet. Vergleicht der Patient diese Informationen mit den NVL-Empfehlungen, kann er besser das für ihn geeignete Krankenhaus auswählen.
Die Unter- und Fehlversorgung psychisch kranker Menschen führt zu einer Vielzahl von Initiativen für neue Vertrags- und Versorgungsformen. Für Patienten ist es schwierig zu beurteilen, welche Versorgungsqualität ihnen solche Verträge bieten. Die NVL Depression versetzt sie nun in die Lage zu überprüfen, inwieweit sich das Versorgungsangebot an Empfehlungen der evidenzbasierten Medizin orientiert. Erst wenn sich informierte Patienten mit verlässlichen Informationen für oder gegen neue Versorgungsformen entscheiden, lässt sich ein Qualitätswettbewerb realisieren. So erhalten Krankenkassen Anreize, bei der Suche nach neuen Versorgungsformen nicht nur auf die Kosten, sondern auch auf die Qualität zu achten.
Die NVL Depression kann außerdem helfen, Antworten auf die Frage zu finden, wie bedarfsgerechte Versorgung in einer Region aussehen kann. Eine Auswertung der Daten der Krankenkassen – natürlich in anonymisierter Form – könnte zeigen, wie viele Menschen mit psychischen Erkrankungen in einer Versorgungsregion wo, von wem und wie versorgt werden. Gravierende Abweichungen von den in der NVL vorgeschlagenen Versorgungsprozessen bzw. Qualitätsindikatoren könnten Anlass sein, anhand der Daten herauszufinden, warum z. B. in der einen Region Patienten überproportional häufig stationär, in einer anderen Region hingegen häufiger ambulant behandelt werden. Es könnte deutlich werden, wo und warum die Umsetzung der zentralen Empfehlungen der NVL, d. h. eine an wissenschaftlichen Ergebnissen orientierte Versorgung von Menschen mit Depressionen, gelingt.
Die Psychotherapeutenkammer NRW hofft, dass die NVL Depression in diesem Sinne Eingang in die Versorgung psychisch kranker Menschen, aber auch in gesundheitspolitische Entscheidungen und neue Vertrags- und Versorgungsformen findet.
Herzlich
Ihre Monika Konitzer

