Selbsthilfepotenzial besser nutzen – Dr. W. Strunz
Welche Defizite sehen Sie in der Versorgung depressiver Patienten?
Die Ergebnisse einer weltweit durchgeführten WHO-Untersuchung zur Prävalenz psychiatrischer Erkrankungen belegen, dass 8,6 % der Patienten in Allgemeinarztpraxen unter Depressionen leiden, die durch rezidivierende und chronifizierende Verläufe zu einem hohen Grad an psychosozialer Beeinträchtigung (28,2 %) führen. Versorgungsprobleme gibt es nach meiner Information für Menschen mit einer schweren und chronischen Depression. Es scheint so zu sein, dass die Problematik häufig unterschätzt wird bzw. Ärzte und Psychotherapeuten unzureichend vergütet werden, um sich umfassend und langfristig dem betroffenen Patienten / der Patientin widmen zu können.
Welche neuen Perspektiven bietet die NVL Depression?
Hervorzuheben ist bei der NVL Depression m.E., dass die Leitlinie auch mit Betroffenenorganisationen erarbeit worden ist, u.a. die Notwendigkeit einer Versorgungskoordination betont und durch eine systematische Herangehensweise bei der Diagnostik und der Abwägung der Behandlungsmethoden gekennzeichnet ist.
Welchen Beitrag kann die Selbsthilfe leisten?
Das Selbsthilfepotenzial zur Bewältigung von Depression hat m.E. bislang zu wenig im Fokus der professionellen Therapeuten gestanden. Die LAG SELBSTHILFE NRW untersucht zurzeit in einem von den beiden AOKen Rheinland-Hamburg und Westfalen-Lippe geförderten Projekt, wo genau der Gewinn der Mitwirkung von Betroffenen in einer Selbsthilfe-Gruppe liegt.
Was erwarten Sie hierbei von Psychotherapeuten?
Selbsthilfegruppen sind keine Konkurrenz zu bestehenden professionellen Angeboten und können diese nicht ersetzen. Wünschenswert wäre eine größere Offenheit gegenüber der Selbsthilfe insgesamt, weil diese auf der Basis des Prinzips der gegenseitigen Hilfe gerade im Bereich der Nachsorge ihren besonderen Stellenwert hat. Vielfach wird auch die Einbeziehung von Betroffenen in die ärztlichen bzw. psychotherapeutischen Qualitätszirkel gewünscht.

