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Psychotherapeuten
Kammer NRW


Kammer für Psychologische
Psychotherapeuten
und Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapeuten
Nordrhein-Westfalen
Dienstag, 16. März 2010

„Familien optimal stärken“ in Paderborn gestartet


In Paderborn ist am 8. März das Modellprojekt „Familien optimal stärken“ (FAMOS) gestartet. FAMOS ist ein Projekt zur Gewaltprävention und Stärkung von Familien, in dem erstmals flächendeckend psychotherapeutische Präventionsprogramme (EFFEKT, PEP, Triple P) eingesetzt werden. „Es ist einfach, sich über aggressives Verhalten von Kindern und insbesondere von Jugendlichen zu empören“, erklärte Monika Konitzer, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer NRW. „Viel schwieriger ist es, Kindern und Jugendlichen zu helfen, ihre emotionalen und sozialen Konflikte ohne Gewalt zu lösen.“

 

 

FAMOS ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Richterbundes NRW, des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, der Psychotherapeutenkammer NRW, des Verbands Bildung und Erziehung NRW und der Stadt Paderborn – Jugendamt. Schirmherrin ist Roswitha Müller-Piepenkötter, NRW-Justizministerin, und Schirmherr ist Heinz Paus, Bürgermeister der Stadt Paderborn. Das Modellprojekt wird mit 155.000 Euro vom NRW-Familienministerium und mit 79.000 Euro von der Stiftung Deutsches Forum Kriminalprävention gefördert. Die Wirksamkeit der eingesetzten Präventionsprogramme wird durch Prof. Dr. Nina Heinrichs von der Universität Bielefeld evaluiert. FAMOS ist die neue Bezeichnung der „Modellregion für Erziehung“, die ursprünglich in Recklinghausen geplant war.

 

 

Roswitha Müller-Piepenkötter, NRW-Justizministerin
Roswitha Müller-Piepenkötter, NRW-Justizministerin

„80 Prozent der inhaftierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben keinen Berufsabschluss, 40 Prozent keinen Schulabschluss, jeder zehnte Inhaftierte ist psychisch krank“, stellte NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter einführend auf der Auftaktveranstaltung am 8. März fest. Im Jugendstrafvollzug gelinge es, viele Jugendliche gerade noch rechtzeitig zu erreichen, um charakteristische Defizite junger Straftäter aufzuarbeiten. Dazu gehörten mangelnde Bildungsfähigkeit, fehlendes Selbstbewusstsein, mangelnde Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz. „Besser ist es, wenn wir das Entstehen dieser Defizite bereits verhindern, bzw. eingreifen, wenn es sich noch um kleine Schäden handelt, bevor ein Riss entsteht“, forderte die NRW-Justizministerin. FAMOS wolle „die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen fördern und auffälliges und aggressives Verhalten in Familien, Kindertagesstätten und Schulen vermindern“.

 

 

Monika Konitzer, Präsidentin der PTK NRW
Monika Konitzer, Präsidentin der PTK NRW

„Die Eltern werden zu häufig zu den Schuldigen gemacht, wenn Jugendliche randalieren oder straffällig werden“, erklärte Monika Konitzer, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer NRW. Tatsächlich seien Familien mit ihren wirtschaftlichen und sozialen Belastungen alleine oft überfordert. Die Präventionsprogramme, die zukünftig in Paderborn angeboten werden, könnten dagegen Familien nachhaltig dabei unterstützen, besser miteinander und mit anderen zurechtzukommen. Sie ermöglichten es Eltern und Kindern, ihr Verhalten tatsächlich zu verändern. Konitzer betonte, dass mit diesen Programmen auch Kindern geholfen werden könne, die ängstlich und depressiv seien. Ängste und Depressionen seien viel häufiger als aggressives Verhalten, aber nicht so auffällig. „Die Paderborner Programme übersehen diese still leidenden Kinder und Jugendlichen nicht“, hob die NRW-Präsidentin hervor. „Auch deshalb unterstütze die Psychotherapeutenkammer NRW das Modellprojekt FAMOS.“

 

 

Heinz Paus, Bürgermeister von Paderborn
Heinz Paus, Bürgermeister von Paderborn

„Wir haben die erforderlichen zusätzlichen organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für das Projekt in unserer Stadt schaffen können“, erläuterte Paderborns Bürgermeister Heinz Paus, „obwohl wir, wie fast alle Kommunen in Deutschland, massiv unter den finanziellen Folgen der Wirtschaftskrise stöhnen.“ Er denke aber, dass viele Kinder und Jugendliche durch FAMOS wichtige Anstöße für ihren Lebensweg erhalten und Familien, die bei Erziehungsproblemen hilflos seien, davon nachhaltig profitieren könnten.

 

 

Jens Gnisa, Sprecher des Bundes der Richter und Staatsanwälte in NRW
Jens Gnisa, Sprecher des Bundes der Richter und Staatsanwälte in NRW

Initiiert und vorangetrieben wurde FAMOS insbesondere durch Jens Gnisa, Sprecher des Bundes der Richter und Staatsanwälte in NRW. Gnisa berichtete, dass insbesondere die Zahl der Jugendlichen, die aufgrund von Gewaltdelikten verurteilt wurden, über einen langen Zeitraum hinweg zugenommen habe. Der Schlüssel zur Prävention von Straftaten läge in der Erziehungskompetenz der Eltern. FAMOS sei eine Chance, die Voraussetzung dafür zu verbessern, dass Erziehung besser gelinge. „Der Weg, genau hier anzusetzen, ist deshalb richtungsweisend.“

 

 

Prof. Dr. Nina Heinrichs, Universität Bielefeld
Prof. Dr. Nina Heinrichs, Universität Bielefeld

Prof. Dr. Nina Heinrichs von der Universität Bielefeld stellte dar, dass 15 bis 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig seien. Am häufigsten seien Ängste (10 %) und Störungen des Sozialverhaltens (7,6 %). Die meisten Störungen blieben unbehandelt. Bemerkenswert sei, wie stabil aggressives Verhalten über den gesamten Lebenslauf eines Kindes bliebe. Dabei zeige sich, dass insbesondere diejenigen Erwachsenen Gewalt einsetzten, die selbst als Kinder Gewalt erfahren hätten. Gewalt pflanze sich über Generationen fort.

 

Für Erziehungsprobleme gäbe es viele Risikofaktoren, längst nicht alle dieser Faktoren seien veränderbar. Die Familie gerate auch deshalb in den Fokus von Präventionsprogrammen, weil Erziehungsverhalten gut zu beeinflussen sei. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten könnten z.B. nachweislich erfolgreich psychische Fehlentwicklungen und Erkrankungen behandeln. Doch die Wartezeiten bei niedergelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten betrügen sechs bis zwölf Monate und insbesondere in ländlichen Regionen herrsche eine massive Unterversorgung. Im Elternbildungsbereich gäbe es eine Vielzahl von Angeboten, doch seien weniger als ein Prozent begleitend auf ihre Wirksamkeit überprüft worden. Zwischen 1976 und 2005 seien Elterntrainings in 21 Studien untersucht worden, davon wären aber nur fünf randomisiert gewesen. Eine US-Studie (Prinz et al., 2009) habe den Einsatz von Elterntrainings in 18 Landkreisen in South Carolina evaluiert und deutliche Erfolge ermittelt: Bezogen auf 100.000 Kinder unter acht Jahren verringerten sich pro Jahr die Missbrauchsfälle um 690, die Unterbringungen in Pflegefamilien um 240 und die Krankenhausaufenthalte wegen körperlicher Misshandlung um 60.

 

 


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