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Psychotherapeuten
Kammer NRW


Kammer für Psychologische
Psychotherapeuten
und Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapeuten
Nordrhein-Westfalen

Warum unabhängige Patientenberatung? – Interview mit Rosemarie Petry-Lehn



Rosemarie Petry-Lehn
Rosemarie Petry-Lehn

Die Kölner Beratungsstelle „Unabhängige Beschwerdeberatung Psychotherapie“ gibt es seit August 2010, zunächst als fünfmonatiges Pilotprojekt der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland in Trägerschaft des gesundheitsladen köln e.v. Seit Januar 2011 hat der gesundheitsladen köln e.v. die Finanzierung der bundesweit tätigen Beratungsstelle übernommen. In der Beratungsstelle arbeitet die Psychologische Psychotherapeutin Rosemarie Petry-Lehn.

 

Frau Petry-Lehn, welche Bedenken haben Patienten, sich an die Psychotherapeutenkammern zu wenden?

Wir machen die Erfahrung, dass Ratsuchende durch negative Erfahrungen mit ihrer Psychotherapie häufig sehr verunsichert sind. Sie möchten vor allem eine Orientierung und Einordnungsmöglichkeit dessen, was geschehen ist. Wir beraten zu Fragen wie: „Darf mein Therapeut sich entwertend äußern über mich?“ „Gehört es zu einer Therapie dazu, dass meine Therapeutin so viel über sich erzählt?“ „Muss ich ein Ausfallhonorar zahlen?“ Viele Ratsuchende können sich auch bei Verstößen gegen die Berufsordnung nicht vorstellen, offiziell Beschwerde bei der zuständigen Psychotherapeutenkammer einzulegen. Durch die negativen Erfahrungen kann ein Misstrauen gegenüber allen Psychotherapeuten entstehen, das sich in Überzeugungen ausdrückt, dass „eine Krähe der anderen kein Auge aushackt“. Darüber hinaus gibt es Befürchtungen, dass eine Beschwerde mit Nachteilen verbunden ist, wie z.B. dass der Psychotherapeut oder die Krankenkasse von der Beschwerde durch die Kammer erfährt: „Mir glaubt sowieso niemand, ich kann nichts beweisen.“ „Der Psychotherapeut leugnet alles und sorgt dafür, dass ich keine Therapie mehr bekomme.“

Unsere Beratung zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie auf Wunsch anonym erfolgt und es bei schweren Berufsverstößen nicht zwangsläufig zu einem berufsrechtlichen Verfahren kommt, wenn ein Patient das nicht möchte. Die Psychotherapeutenkammern können dies nicht frei entscheiden, sondern sind an die Heilberufsgesetze gebunden. Für Laien sind die Strukturen nicht zu durchschauen.

 

Sind Patienten ausreichend informiert?

Wie wenig Patienten teilweise informiert sind, hat uns überrascht. Sie sind nicht darüber aufgeklärt, welche Therapieform bei ihnen angewandt wird. Manchmal wissen sie nicht, dass Ausfallhonorare anfallen können oder sind überrascht über die Höhe. Außerdem sind Informationen darüber nicht selbstverständlich, wie in der Therapie vorgegangen wird und welche Methoden eingesetzt werden und warum dies geschieht.

Wir halten eine möglichst umfassende Aufklärung zu Beginn und auch im Verlauf der Therapie für sehr wichtig. Über Aspekte wie therapeutisches Vorgehen, Methoden, Sinn und Ergebnis von Testverfahren sollte sorgfältig aufgeklärt werden. Wir empfehlen auch, schriftliche Therapieverträge abzuschließen. Therapeuten können manchmal durch mangelnde Transparenz das Vertrauen der Patienten so weit beschädigen, dass Therapien abgebrochen werden. Man kann Patienten den Sinn von Ausfallhonoraren durchaus plausibel machen. In jedem Fall sollten sie über die Rahmenbedingungen aufgeklärt werden.

 

Was sind die häufigsten Beschwerden?

In der Grauzone vor den eindeutig definierten Berufsverstößen finden sich Unzuverlässigkeiten von Psychotherapeuten wie Unpünktlichkeit und regelmäßige Telefonate während der Sitzungen. Ein anderer Konfliktpunkt sind Urlaubsregelungen: In einem Beispiel wurde, für einen Monat im voraus angekündigten Urlaub, Ausfallhonorar verlangt. Das sind typische Beispiele dafür, dass Patienten das Vertrauen verlieren, was sich negativ auf den Verlauf und den Erfolg von Therapien auswirkt.

 

Sind auch schwere berufsrechtliche Verstöße darunter?

Dazu gehört in erster Linie eine Verweigerung der Einsicht in die Krankenunterlagen, worauf der  Patient ein Anrecht hat. Psychotherapeuten verweigern dies oftmals ohne Begründung. Aber auch Abstinenzverletzungen werden benannt bis hin zu sexuellen Angeboten oder der Aufnahme sexueller Beziehung zu Patienten.

 

Wünschen sich Patienten einen Vermittler?

Bislang klären wir in der Beratung auf über Berufspflichten, Patientenrechte und Beschwerdewege und versuchen ressourcen- und lösungsorientiert mit Patienten adäquate Schritte zu erarbeiten, wenn ein Vertrauensverlust in der therapeutischen Beziehung entstanden ist. Das kann der Versuch einer Konfliktklärung mit dem Therapeuten sein, ein Therapeutenwechsel oder eine offizielle Beschwerde bei der Kammer. Verschiedentlich formulieren Patienten, dass sie sich mehr Unterstützung wünschen, z.B. in einem Gespräch mit dem Psychotherapeuten. Da auch in Schlichtungsstellen der Kammern, wenn es sie denn gibt, kein unabhängiger Patientenvertreter dabei ist, fänden wir diese Ergänzung unserer Arbeit sehr sinnvoll. Wir können dies aber bislang aus personellen Gründen nicht leisten, würden Patienten aber auch gerne auf diese Weise unterstützen.

 

Was können Psychotherapeutenkammern besser machen?

Wir halten ausführliche und verständliche Patienteninformationen für sehr wichtig. Unser Eindruck ist, dass die Psychotherapeutenkammern dem Thema Patientenbeschwerden zunehmend mehr Aufmerksamkeit schenken und zum Beispiel auf ihren Internetseiten Hinweise zu Patientenrechten und ihrem Beschwerdemanagement veröffentlichen. Für Patienten sollte eine Psychotherapie schon vor Aufnahme so transparent wie möglich sein: Wie läuft eine Therapie ab, worauf lasse ich mich ein und worauf muss ich als PatientIn achten? Auch durch ausführliche Informationen der Kammern zum Ablauf eines offiziellen Beschwerdeverfahrens kann Vertrauen in die Aufsichtsbehörde geschaffen werden. Allerdings wird gute Information eine unabhängige Beratung nicht überflüssig machen. Bei vielen Patienten steht gar nicht die Beschwerde im Vordergrund, sondern die fachliche Einordnung des Vorgehens des Therapeuten. Diese Patienten wollen auf gar keinen Fall, dass ihr Therapeut von ihrer Anfrage erfährt. Auch wenn Patienten offizielle Beschwerdewege ablehnen, braucht es eine unabhängige, patientenorientierte Beratung, die immer auch die Stärkung der Selbstverantwortung zum Ziel hat.

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