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Psychotherapeuten
Kammer NRW


Kammer für Psychologische
Psychotherapeuten
und Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapeuten
Nordrhein-Westfalen

Psychotherapeutische Unterversorgung in NRW



In Nordrhein-Westfalen sind viel zu wenige niedergelassene Psychotherapeuten verfügbar. Durchschnittlich sind es 25 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner. Dabei haben psychisch kranke Menschen es in Nordrhein wesentlich einfacher einen freien Behandlungsplatz bei einem Psychotherapeuten zu finden als in Westfalen-Lippe. In Nordrhein sind 29 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner verfügbar, in Westfalen-Lippe nur 20,5. Damit stehen in Nordrhein durchschnittlich 50 Prozent mehr Psychotherapeuten zur Verfügung als in Westfalen-Lippe. Solche krassen Unterschiede in der Versorgung kranker Menschen sind gesundheitspolitisch nicht tragbar.

 

Nordrhein-Westfalen ist jedoch noch aus einem weiteren Grund stark benachteiligt: In der Bedarfsplanung wird das Ruhrgebiet als „Sonderregion“ behandelt. Das heißt: Die Großstädte werden dort nicht als Großstädte, sondern als Kreisstädte behandelt. Dies hat zur Folge, dass von einem viel zu geringen Bedarf an ambulanter Psychotherapie ausgegangen wird. Dort sollen angeblich 11,4 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner ausreichen, um psychisch kranke Menschen zu versorgen.

Tatsächlich sind die psychotherapeutischen Praxen im Ruhrgebiet völlig überlaufen. Die niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten wissen nicht mehr, wie sie ihren Patienten überhaupt noch gerecht werden können und wie sie sicherstellen sollen, dass Patienten, die dringend behandlungsbedürftig sind, rechtzeitig professionelle Hilfe erhalten.

 

In Deutschland erkranken jährlich mindestens fünf Millionen Menschen an einer schweren psychischen Krankheit und sind dringend behandlungsbedürftig. Das sind ca. 700.000 Kinder unter 18 Jahren, ca. 2,9 Millionen psychisch kranke Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren und etwa 1,5 Millionen Menschen über 65 Jahren. Diesem Behandlungsbedarf stehen in Deutschland jedoch höchstens 1,5 Millionen psychotherapeutische Behandlungsplätze im ambulanten und stationären Bereich gegenüber. Psychisch Kranke warten deshalb durchschnittlich sechs Monate lang auf eine Psychotherapie. „Müssten körperlich Kranke derart lange auf eine Behandlung warten, wäre dies ein gesundheitspolitischer Skandal.

 

Der Bundesgesundheitsminister plant in diesem Jahr eine Reform der Bedarfsplanung („GKV-Versorgungsgesetz“). Dabei sorgt sich der Minister bisher um eine ausreichende hausärztliche Versorgung auf dem Land. Die Krankenkassen fordern sogar ausdrücklich einen Abbau der psychotherapeutischen „Überversorgung“. Folgt man ihrer Argumentation, dann gibt es in Nordrhein-Westfalen über 1.000 Praxissitze zu viel. Der Abbau würde vor allem die Städte treffen. In Köln wären rund 200, in Münster und Bonn jeweils etwa 100 Praxissitze überflüssig. Selbst in Dortmund müsste die Kassenärztliche Vereinigung circa 50 Praxissitze aufkaufen und nicht mehr ausschreiben. Wie die Versorgungsrealität aussieht beschreibt eindrücklich Peter Santura, niedergelassener Psychotherapeut in Dortmund, auf der ersten Seite dieses Newsletters.

 

rech. Versorgungsgrad PT in v.H. nach KV-Planungsbereichen in NRW
rech. Versorgungsgrad PT in v.H. nach KV-Planungsbereichen in NRW

Ein Abbau von über 1.000 Praxissitzen in NRW ergäbe einen versorgungspolitischen Notstand für psychisch kranke Menschen.

Die Wartelisten in den psychotherapeutischen Praxen würden noch länger und die Kosten für Krankschreibungen bei Unternehmen und Sozialversicherung weiter steigen. Schon zahlen Unternehmen, Krankenkassen und Rentenversicherung die Kosten für die fehlenden psychotherapeutischen Behandlungsplätze.

 

 

Psychotherapeuten/100.000 Einwohner nach KV-Planungsbereichen in NRW
Psychotherapeuten/100.000 Einwohner nach KV-Planungsbereichen in NRW

Deutsche Arbeitnehmer fehlen immer häufiger aufgrund von psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz. Inzwischen gehen rund zwölf Prozent aller Tage, die Arbeitnehmer krankgeschrieben sind, auf psychische Erkrankungen zurück. Psychisch kranke Arbeitnehmer fehlen überdurchschnittlich lang. Arbeitnehmer, die an einer Depression, Angst- oder Suchtstörung leiden, sind durchschnittlich drei bis sechs Wochen arbeitsunfähig.

 

Psychische Erkrankungen kosten Milliarden und belasten die Wirtschaft sowie Sozialversicherung. Die Unternehmen haben sechs Wochen den Lohn fortzuzahlen, bei länger andauernden Erkrankungen tragen die Krankenkassen die Krankengeldzahlungen. Zudem übernehmen sie insbesondere die Kosten für die ambulante und stationäre Behandlung. Schließlich wird auch die Rentenversicherung bei chronischen psychischen Störungen durch Rehabilitationsmaßnahmen und vorzeitige Renten belastet.

 

 

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