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Psychotherapeuten
Kammer NRW


Kammer für Psychologische
Psychotherapeuten
und Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapeuten
Nordrhein-Westfalen

1.600 Praxen fehlen – Ruhrgebiet besonders benachteiligt!



In Nordrhein-Westfalen fehlen rund 1.600 psychotherapeutische Praxen. Überdurchschnittlich lange müssen psychisch kranke Menschen vor allem im Ruhrgebiet und in den ländlichen Regionen Nordrhein-Westfalens auf einen Behandlungsplatz beim Psychotherapeuten warten. Im Ruhrgebiet warten psychisch Kranke 17 Wochen auf ein erstes Gespräch, in ländlichen Kreisen 14 Wochen. Insgesamt liegt Nordrhein-Westfalen mit einer durchschnittlichen Wartezeit von 13,8 Wochen über dem Bundesdurchschnitt von 12,5 Wochen. „Der massive Mangel an psychotherapeutischen Behandlungsplätzen zwischen Duisburg und Dortmund liegt insbesondere daran, dass das Ruhrgebiet in der Bedarfsplanung systematisch benachteiligt wurde“, kritisiert Monika Konitzer, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer NRW.

 

Wie viele Ärzte und Psychotherapeuten sich in einem Gebiet niederlassen dürfen, ist in der Bedarfsplanungsrichtlinie geregelt. Das gesamte Bundesgebiet ist darin in neun Kreistypen eingeteilt, in denen sich je nach Stadt und Land unterschiedlich viele Ärzte oder Psychotherapeuten niederlassen dürfen. In Großstädten (Kreistyp 1) sind danach beispielsweise 38,8 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner vorgesehen, um die notwendige Zahl an Behandlungsplätzen sicherzustellen. In ländlichen Regionen (Kreistyp 9) sind es nur 4,3 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner. Schon diese Unterschiede sind sachlich nicht zu rechtfertigen, da die Häufigkeit psychischer Krankheiten sich nicht stark zwischen Stadt und Land unterscheidet.

 

Sonderregion Ruhrgebiet

Für das Ruhrgebiet wurde in der Bedarfsplanungsrichtlinie jedoch eine Sonderregion geschaffen (Kreistyp 10), in der grundsätzlich ein viel niedrigerer Bedarf an Psychotherapeuten angenommen wurde als in allen anderen deutschen Großstädten. Menschen in Duisburg, Essen, Mülheim, Oberhausen, Bochum, Bottrop, Dortmund, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm und Herne sollen danach nur von 11,4 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner versorgt werden. Das entspricht einer Einordnung als Landkreis. Korrekt wäre eine Einordnung als Großstadt (38,8). Damit sollen im Ruhrgebiet schon 30 Prozent der Psychotherapeuten ausreichen, die in anderen Großstädten notwendig sind, um psychisch kranke Menschen zu behandeln. „Das ist eine absurde Annahme, für die es keine sachliche Begründung gibt“, erklärt Präsidentin Konitzer. Die Sonderregion Ruhrgebiet muss bei der anstehenden Reform der Bedarfsplanung abgeschafft werden. Die Städte an Rhein und Ruhr benötigen die gleiche Anzahl an Psychotherapeuten wie alle anderen deutschen Städte.“

 

Im Ruhrgebiet leben über fünf Millionen Menschen. Das sind fast 30 Prozent der Einwohner Nordrhein-Westfalens.  Damit stehen für jeden dritten Einwohner zwischen Duisburg und Dortmund zu wenig psychotherapeutische Behandlungsplätze zur Verfügung, weil die Region in der Bedarfsplanung benachteiligt wird.

Wartezeiten allgemein viel zu lang

Die besonders schlechte Versorgung im Ruhrgebiet darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Wartezeiten für psychisch kranke Menschen in Deutschland allgemein viel zu lang sind. Bei körperlich kranken Menschen würde kein Politiker Wartezeiten von mehr als drei Monaten bis zum ersten diagnostischen Gespräch akzeptieren.

 

Die Psychotherapeutenkammer NRW fordert deshalb eine grundsätzliche Reform der Bedarfsplanung, bei der die Verhältniszahlen von Psychotherapeuten je Einwohner für alle Kreistypen neu berechnet werden. In Großstädten strebt die Kammer rund 50 bis 60 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner an, auf dem Land 25 bis 30 Psychotherapeuten. Danach sind in Nordrhein-Westfalen rund 1.600 Psychotherapeuten zusätzlich notwendig, um die Wartezeit für psychisch Kranke auf eine vertretbare Dauer zu verkürzen. Dadurch könnten sich mehr Psychotherapeuten vor allem im Ruhrgebiet und in den ländlichen Regionen niederlassen.

 

Auch psychisch Kranke sollten nicht länger als drei Wochen auf ein erstes Gespräch bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten warten.

 

Extrabudgetäre Vergütung

Die Psychotherapeutenkammer NRW geht von einem zusätzlichen Honorarbedarf in Nordrhein-Westfalen von rund 120 Millionen Euro aus. Die Honorare für diese zusätzlichen Praxen sollten zusätzlich zur Gesamtvergütung von den Krankenkassen finanziert werden.

 

„Die Krankenkassen sollten erkennen, dass sich die Investitionen in die ambulante psychotherapeutische Versorgung für sie rechnen“, erklärt Monika Konitzer. „Patienten, die keinen Psychotherapeuten finden, wenden sich notgedrungen häufiger an Krankenhäuser oder warten so lange, bis sich ihre Erkrankung verschlimmert oder chronisch geworden ist.“ Nach Berechnungen der Bundesregierung entstehen den Unternehmen jährlich durch psychische Krankheiten Produktionsausfälle von 26 Milliarden Euro.

 

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