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Psychotherapeuten
Kammer NRW


Kammer für Psychologische
Psychotherapeuten
und Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapeuten
Nordrhein-Westfalen

Vergebliche Suche nach einem Psychotherapeuten



Psychisch kranken Menschen wird in Deutschland eine aufwendige, zeitraubende und häufig vergebliche Suche nach einem niedergelassenen Psychotherapeuten zugemutet. Sie finden in der Regel keinen Psychotherapeuten, der sie rechtzeitig behandeln kann. Die Wartezeit auf ein erstes Gespräch bei einem Psychotherapeuten beträgt durchschnittlich 12,5 Wochen, in Nordrhein-Westfalen sind es durchschnittlich sogar 13,8 Wochen. Besonders lang sind die Wartezeiten mit 15,9 Wochen in Westfalen-Lippe, während Nordrhein mit 12,2 Wochen etwa im Bundesdurchschnitt liegt.

 

Zwischen diesem Erstgespräch und dem Beginn der Behandlung liegen nochmals knapp drei Monate. Die Behandlung beginnt im Schnitt erst knapp sechs Monate nach der Anfrage. Viele psychisch Kranke geben während der wochenlangen Suche nach einem Psychotherapeuten entmutigt auf und verzichten auf eine Behandlung. Wer nicht warten kann, muss sich notfalls an ein psychiatrisches oder psychosomatisches Krankenhaus wenden, obwohl es besser wäre, erst ambulant und nur bei besonders schweren Krankheitsverläufen unmittelbar stationär zu behandeln.

 

Ruhrgebiet

Die Unterversorgung ist im Ruhrgebiet am größten. Dort warten Patienten durchschnittlich 17 Wochen auf ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten. Die besonders langen Wartezeiten erklären sich aus einer Sonderstellung, die das Ruhrgebiet in der Bedarfsplanung für Ärzte und Psychotherapeuten einnimmt. Während sich im übrigen Deutschland der Bedarf an Behandlern danach bestimmt, ob es sich um eine ländliche Region, eine Kreis- oder Großstadt handelt, wurde für das Ruhrgebiet eine „Sonderregion“ geschaffen, für die es sachlich keine Begründung gibt. In dieser Sonderregion Ruhrgebiet gelten jedoch grundsätzlich 11,4 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner als ausreichend, um dort psychisch kranke Menschen zu versorgen. Damit werden dem Ruhrgebiet nicht mehr Psychotherapeuten zugestanden als etwa in Kreisstädten. Tatsächlich handelt es sich bei den Städten des Ruhrgebietes um Großstädte, in denen normalerweise 38,8 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner tätig werden können. Durch die Einführung der Sonderregion Ruhrgebiet wurde also das Angebot an ambulanter Psychotherapie willkürlich verknappt. Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass dort die Wartezeiten besonders lang sind.

 

Stadt und Land

Die Bedarfsplanung geht außerdem von gravierenden Unterschieden zwischen Stadt und Land aus: Während in Großstädten 38,8 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner als ausreichend betrachtet werden, sind es in ländlichen Kreisen nur 4,3 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner. Die Bedarfsplanung unterstellt damit, dass die Menschen auf dem Land einen neunmal geringeren Bedarf an einer psychotherapeutischen Behandlung haben als in der Stadt. Nach einer BPtK-Auswertung des Bundesgesundheitssurveys sind psychische Erkrankungen zwar in der Stadt häufiger als auf dem Land, die Spanne ist jedoch erheblich geringer als die Bedarfsplanung annimmt. Während in Großstädten 34 Prozent der Menschen innerhalb von zwölf Monaten psychisch erkranken, sind es 31,9 Prozent der Menschen in hochverdichteten Kreisen und 33,3 Prozent im Ruhrgebiet. Nur in ländlichen Regionen ist die Häufigkeit psychischer Erkrankungen etwas niedriger (26 Prozent).

 

Großstädte

Auch in Großstädten müssen Patienten wochenlang auf ein erstes Gespräch beim Psychotherapeuten warten. In Städten mit mehr als einer Million Einwohnern (Berlin, Hamburg, Köln, München) beträgt die Wartezeit knapp neun Wochen. Dort arbeiten durchschnittlich mehr als 50 niedergelassene Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner. In Hamburg sind es 51,1, in Berlin 61,6, in Köln 63,3 und in München 76,9 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner. Trotz der langen Wartezeiten gelten in der amtlichen Statistik jedoch alle Millionenstädte als überversorgt, mit Versorgungsgraden zwischen 142,3 (Hamburg) und 198,3 Prozent (München). Dabei berichtet dort sogar knapp jeder fünfte niedergelassene Psychotherapeut (Hamburg: 17,5 Prozent, Berlin: 19,6 Prozent, Köln: 18,6 Prozent, München: 4,5 Prozent) über Wartezeiten von mehr als drei Monaten, die völlig inakzeptabel sind.

 

Kosten langer Wartezeiten

Psychische Krankheiten, die zu spät oder nicht behandelt werden, erfordern meist eine längere ambulante oder stationäre Behandlung. Patienten, die auf eine psychotherapeutische  Behandlung warten, erhalten oft eine einseitig medikamentöse Behandlung und werden krankgeschrieben. Psychisch kranke Arbeitnehmer sind deshalb für Unternehmen bereits ein beträchtlicher Kostenfaktor. Nach Schätzungen kosten allein die Fehltage depressiv erkrankter Arbeitnehmer die Unternehmen in Deutschland jährlich circa 1,6 Milliarden Euro. Für die Krankenkassen kommen durch länger andauernde psychische Erkrankungen Kosten durch Krankengeldzahlungen in Höhe von circa zwei Milliarden Euro hinzu.

 

Psychisch kranke Menschen, die keinen ambulanten Therapieplatz finden, aber diesen kurzfristig benötigen, müssen sich an psychiatrische oder psychosomatische Krankenhäuser wenden. Dort hat sich die Zahl der Patienten in den vergangenen Jahren massiv erhöht, bei der Barmer GEK z.B. zwischen 1990 und 2010 um 129 Prozent.

Längst nicht alle dieser stationären Behandlungen wären notwendig, wenn es ein ausreichendes Angebot an niedergelassenen Psychotherapeuten gäbe. Die Gesamtkosten für die stationäre Behandlung von psychisch kranken Menschen in Krankenhäusern betrug 2009 rund 4,6 Milliarden Euro, die Kosten für stationäre Rehabilitation wegen psychischer Erkrankungen circa 0,9 Milliarden Euro.

 

Psychische Erkrankungen sind der Hauptgrund für Frührenten in Deutschland. Der Anteil der Renten aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich von 15,4 Prozent im Jahr 1993 auf 37,7 Prozent im Jahr 2009 mehr als verdoppelt. In absoluten Zahlen gab es einen Anstieg von 41.409 Neuberentungen im Jahr 1993 auf 64.469 im Jahr 2009, das bedeutet einen Anstieg von mehr als 50 Prozent.

 

Wartelisten

Gut die Hälfte (53,6 Prozent) der Psychotherapeuten führt eine Warteliste. Die anderen halten lange Wartelisten meist für nicht zu verantworten und vergeben einen frei werdenden Behandlungsplatz an den nächsten Anrufer. Die Suche nach einem freien Therapieplatz ist also entweder ein monatelanges Geduldsspiel oder ein unberechenbares Glücksspiel – beides ist in einem modernen Gesundheitssystem indiskutabel. Wartelisten sind in schlecht versorgten Regionen häufiger. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass es in diesen Regionen kaum Möglichkeiten gibt, die Patienten weiter zu verweisen. In ländlichen Regionen bleibt den Psychotherapeuten häufig nichts anderes übrig, als für die vielen Anfragen eine Warteliste zu führen.

 

Die Begründungen, warum keine Wartelisten geführt werden, führen das Problem der Unterversorgung in der ambulanten Psychotherapie mindestens so dringlich vor Augen wie die langen Wartezeiten bei Psychotherapeuten, die eine Warteliste führen. Deshalb einige Beispiele:

 

„Ich hatte zwar eine Warteliste, habe diese jedoch aufgrund unzumutbar langer Wartezeiten vor sechs Monaten sperren müssen. Im Moment nehme ich keine neuen Patienten mehr auf die Liste, da die Wartezeit von deutlich über 1,5 Jahren nicht mehr zumutbar erschien.“


„Eine Warteliste habe ich vor Jahren aufgegeben, da ich den Patienten hätte sagen müssen: Rufen Sie mich in zwei, drei Jahren wieder an.“


„Die Nachfrage übersteigt unsere Möglichkeiten um ein Vielfaches. Aus diesem Grund führen wir keine Warteliste, sondern nehmen Patienten auf, wenn auch ein zeitnaher Therapieplatz anzubieten ist.“


„Kinder und Jugendliche suchen monate- bis jahrelang nach einer Therapie. Oft werden sie dann, viel teurer, stationär in einer Klinik aufgenommen oder unzureichend mit Psychopharmaka versorgt.“


„Teilweise reagieren die Patienten sehr verärgert über die langen Wartezeiten. Unsere Telefonsprechzeit ist somit meistens äußerst unangenehm.“

„Als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut finde ich es unverantwortlich, eine Warteliste zu führen.“


„Es ist höchste Zeit für eine Bedarfsplanung, die der tatsächlichen Häufigkeit der psychischen Erkrankungen angemessen ist. Auch der Ruhrgebietsstatus muss dringend fallen.“

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