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Psychotherapeuten
Kammer NRW


Kammer für Psychologische
Psychotherapeuten
und Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapeuten
Nordrhein-Westfalen

Frauen leiden anders, Männer auch – Gender in der Suchthilfe



Frauen leiden anders … Dieses Wissen haben Frauen der ersten und zweiten Frauenbewegung auf vielen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenseins in die Welt getragen. Engagierte Frauen in der Suchthilfe haben – inzwischen seit über 30 Jahren – daran gearbeitet, dieses Wissen in die Suchthilfe hinein zu tragen und den Kolleginnen und Patientinnen auf der Institutions- und Behandlungsebene zur Verfügung zu stellen. Mit erweiterbarem Erfolg. Fragen zur geschlechterdifferenzierten Behandlung wurden für Frauen in der Suchtarbeit im Landesprogramm gegen Sucht in NRW 2004 beantwortet.

 

Männer auch. Auch engagierte Männer haben begonnen, ihre unterschiedlichen Rollen kritisch zu hinterfragen und haben erkannt, dass sie ebenfalls an Grenzen stoßen, Benachteiligungen unterworfen sind, sich in ihrem Mann-Sein beeinträchtigt, verunsichert fühlen. 2008 wurde von Männern im Evangelischen Fachverband Sucht RWL eine Handreichung für männerspezifische Suchtarbeit herausgegeben. Sie haben richtigerweise bemerkt, dass alles, was nicht geschlechtsspezifische Arbeit mit Frauen ist, nicht automatisch männerspezifische Arbeit ist. So wie insgesamt Frauen-/Männerarbeit nicht notwendigerweise Genderarbeit ist.

 

Forschungsergebnisse und die Praxiserfahrung belegen, dass sich geschlechtsbezogene Unterschiede, in Bezug auf den Einstieg in die Drogenabhängigkeit, das Konsummuster (BMG Drogensuchtbericht, 2002 - 2013, DHS), die Diagnosevergabe und die Behandlung, gezeigt haben. Die Entstehung dieser Unterschiede basiert auf biographischen und gesellschaftlichen Bedingungen sowie dem Umgang damit. Immer noch sind für die Positionen in der Gesellschaft, für Lebenschancen und Lebenspläne (neben Ethnie, sexueller Orientierung, Schicht- und Milieuzugehörigkeit, Alter) die biologischen Merkmale entscheidend, sowie die Rollenerwartungen, die mit Frau-Sein und Mann-Sein verknüpft sind (Fine, 2012).

 

Ergebnisse der Psychotherapieforschung zeigen, dass das Geschlecht der Patienten und Patientinnen eine Rolle bei der Diagnostik und der Zielvereinbarung spielt und das Geschlecht der Therapeuten und Therapeutinnen die Diagnose mitbestimmt. Es gibt Hinweise dafür, dass männliche Therapeuten bei weiblichen Klientinnen das höchste und weibliche Therapeutinnen bei männlichen Klienten das niedrigste Auffälligkeitsniveau registrieren (Schigl, 2012). Frauen als Patientinnen erhalten öfter als Männer psychiatrische oder psychosomatische Diagnosen. An die Arbeit von Bronvermann (1970) zum Doppelstandard von psychischer Gesundheit sei an dieser Stelle noch einmal erinnert.

 

„Die einem kranken Mann zugeschriebenen Eigenschaften sind ähnlich jenen der gesunden Frau. Die des gesunden Menschen entsprechen dem Ideal des gesunden Mannes“. Das hat Auswirkungen auf die Beschreibungen der Krankheitsbilder. Diese beruhen demnach auf einer Bestimmung eines männlichen oder weiblichen Repertoires, und das eher im Sinne eines Eigenschaftspotentials: so sind Männer, so sind Frauen. Besonders sensibel sollten an dieser Stelle familientherapeutisch ausgerichtete Therapeuten und Therapeutinnen sein, die immer noch patriarchale Strukturen, wie die klassische Zuschreibung von männlichen und weiblichen Aufgaben an die Eltern übertragen (Schigl, 2012).

 

Die Deutsche Suchthilfestatistik zeigt hinsichtlich der Prävalenz psychiatrischer Störungen deutlich, dass Frauen sehr viel häufiger Diagnosen haben, vor allem aber häufiger Mehrfachdiagnosen. Die Universität München publizierte Forschungsergebnisse, wonach es erhebliche Prävalenzunterschiede bei einzelnen psychischen Störungen gibt. Im Vergleich zu Männern sind Frauen von (internalisierenden) Störungen wie Depressionen (ausgenommen: bipolare Depression), Neurosen, Angst- und Essstörungen sowie somatoformen Störungen etwa doppelt so häufig betroffen, bei der Agoraphobie wird sogar ein Frauenanteil von 80 % angegeben. An einer Medikamentenabhängigkeit leiden Frauen dreimal so häufig wie Männer. Der Anteil der Männer überwiegt dagegen bei (externalisierenden) Störungen wie Alkohol- und Drogenabhängigkeit und der dissozialen Persönlichkeitsstörung. Warum die Diagnose Borderline mehrheitlich an Frauen vergeben wird, konnte Prof. Kernberg, der zur Borderlinestörung forscht, nicht erklären. Bei der Suchtentwicklung und in der Sucht ist die Rolle der Gewalt von Bedeutung. Belegt ist der Zusammenhang zwischen innerhäuslicher, männlich dominierter Gewalt und Alkoholkonsum (Klein, 2006). Auffallend ist, dass Männer als Opfer von Gewalt (auch Opfer von bislang tabuisierter Frauengewalt) oft unbeachtet bleiben. Bei Frauen hingegen, dass sie fast ausschließlich als Opfer wahrgenommen und als Täterinnen nicht beachtet werden.

 

Auch bei den verhaltensabhängigen Suchtformen zeigen sich Unterschiede (Nationale Tagung Biel, Rihs-Middel, 2008):

Spielsucht

21 % F,  

79 % M
Internet 30 % F,  
70 % M
Kaufsucht 90 % F,  
10 % M
Sexsucht
10 % F,  
90 % M
Essstörungen 95 % F,  
5 % M
Selbstverletzung     
90 % F,  
10 % M
Rasen 5 % F,  
95 % M

 

Ziel muss es zum einen sein, „strukturelle Bedingungen im Diskurs umfassender sichtbar zu machen, um Dichotomie und Geschlechterhierarchie jenseits der persönlichen Ebene der Benachteiligung besser zu hinterfragen und um das eigene Handeln im Geschlechterdiskurs zu reflektieren“ (Scheffler, 2002). Zum anderen muss für die Psychotherapie eine geschlechtersensible prozessuale Diagnostik (Schigl, 2012) erfolgen. Für die Psychotherapie allgemein und in der Suchthilfe bedeutet das, dass neben den stoffgebundenen und verhaltensabhängigen Suchtformen gendersensible Themenkomplexe abgebildet werden müssen:

 

  • Sozialisation zu Anpassung/Unterordnung,
  • Geschlechterrollen der Eltern,
  • sexuelle Traumatisierungen,
  • Gewalterfahrungen (Bewältigung external bei M, internal bei F),
  • kindliche Parentifizierung,
  • Dynamik in der eigenen Partnerschaft,
  • berufliche Laufbahn und deren Brüche,
  • Selbstwertproblematiken und Selbstkonzepte,
  • Sexualität und Reproduktion.

 

Wir müssen weiter fragen, wie und wodurch lassen sich Unterschiede erklären (es geht nicht darum, Männer und Frauen gleich zu „machen“), wie kommen diese zustande und wie können und müssen wir, die im Gesundheitswesen Tätigen, diese Ergebnisse in unserer Arbeit berücksichtigen. Dazu braucht es dringend genderspezifische Forschung, die Einbindung der Praxis, politische Entscheidungen und die Bereitschaft von allen, sich auf diesen interessanten, spannenden und sich ständig verändernden Prozess einzulassen, um am Ende zu einem gerechteren Zugang zum Gesundheitssystem zu gelangen.

(Autorin: Regina Sosna)

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