Hochwasser in Nordrhein-Westfalen: Psychotherapeutische Versorgung und Akuthilfe vor Ort, zusätzliche Behandlungskapazitäten geschaffen

Die Hochwasserkatastrophe hat auch in Nordrhein-Westfalen eine große Solidarität und Hilfsbereitschaft bei Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ausgelöst; Verbände und regionale Netzwerke haben dazu aufgerufen, zusätzliche Behandlungskapazitäten für psychotherapeutische Sprechstunden und Akutbehandlungen zur Verfügung zu stellen. Obwohl psychotherapeutische Praxen im Normalfall schon ausgelastet sind, zeigen die Kolleginnen und Kollegen ein außerordentliches Engagement, um den vom Hochwasser betroffenen Menschen Behandlungsmöglichkeiten anzubieten.

Dabei bleibt zu unterscheiden zwischen dem psychotherapeutischen Bedarf im Rahmen der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen, der oft erst Wochen nach einem katastrophalen Ereignis auftritt, und einer psychotherapeutischen Akuthilfe vor Ort, die direkt nach dem Hochwasser bereits eingerichtet wurde. Hier ist beispielhaft das Netzwerk „Soforthilfe Psyche Netzwerk Helfer:innen Flutopfer“ zu nennen, das gleich am Wochenende nach den verheerenden Überflutungen gegründet wurde und sofort seine Arbeit vor Ort aufgenommen hatte. Die Psychotherapeutenkammer NRW hat mit zwei Gründungsmitgliedern des Netzwerkes gesprochen:

Psychotherapeutenkammer NRW: Frau Leutner, Frau Faust, Sie haben zusammen mit Ihrer Kollegin Daniela Lempertz, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Rheinland-Pfalz, schon kurz nach der Hochwasserkatastrophe das Netzwerk „Soforthilfe Psyche Netzwerk Helfer:innen Flutopfer“ gegründet. Was ist das für ein Netzwerk und was bietet es an?
Susanne Leutner/Claudia Faust: Als approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Diplom-Psychologinnen und -Psychologen sowie Ärztinnen und Ärzte mit psychotraumatologischem Schwerpunkt bieten wir zusätzliche Therapieplätze für Betroffene der Flutkatastrophe an sowie auf Anfrage auch Hilfe vor Ort. Diese beiden Aktivitäten verknüpfen wir und sind damit nachhaltig tätig.

Psychotherapeutenkammer NRW: Was ist das Besondere an diesem Angebot, auch im Vergleich zu der klassischen Krisenintervention durch die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV)?
Leutner/Faust: Wir schauen zwar von Anfang an mit dem Verständnis von Trauma auf die hilfesuchenden Menschen, bieten aber zunächst vor Ort bewusst in erster Linie Orientierung und Sicherheit, bauen Vertrauen auf und arbeiten allmählich mit speziellen Techniken der Akutintervention. Hier ist EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) besonders hilfreich. Wir bleiben vor Ort präsent und verknüpfen die Akuthilfe mit mittel- und langfristigen traumatherapeutischen Therapieangeboten. Gefragt vor Ort sind auch Informationen für Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher zum Umgang mit den betroffenen Kindern. Hier wird viel Eis gebrochen und Verständnis geweckt.

Psychotherapeutenkammer NRW: In welchen Gebieten ist das Netzwerk bisher tätig geworden und wie helfen Sie in den Krisengebieten?
Leutner/Faust: In ganz Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz bieten Kolleginnen und Kollegen freie Therapieplätze an. Die Resonanz ist überwältigend. Wir sind zurzeit bei 400 zusätzlichen Plätzen. Wir geben das, was wir können: zusätzliche spezialisierte Arbeitszeit. Im Ahrtal werden wir sehr häufig angefragt und sind dort fast täglich an 4-8 verschiedenen Standorten präsent. In Nordrhein-Westfalen bestehen punktuelle Angebote, aber die Strukturen sind dort anders.

Psychotherapeutenkammer NRW: Welche Erfahrungen haben Sie vor Ort gemacht? Wie sind Sie von den dort tätigen Hilfsdiensten aufgenommen worden?
Leutner/Faust: Die Hilfsdienste waren schnell von dem speziellen Profil unserer Arbeit überzeugt und unterstützen uns. Es gibt aber auch Regionen, in denen trotz Hilferufen von vor Ort tätigen Kolleginnen und Kollegen bestehende Strukturen abweisend reagieren.

Psychotherapeutenkammer NRW: Wie könnte die Zusammenarbeit verbessert werden?
Leutner/Faust: Zusätzliche Informationen seitens unserer Kolleginnen und Kollegen vor Ort und regionale Presse- bzw. Öffentlichkeitsarbeit können dazu beitragen, die Offenheit der vor Ort tätigen Hilfsorganisationen zu fördern. Wir verstehen uns als professionelle, kooperative und auch notwendige Ergänzung bei der psychologischen Versorgung von Menschen in einer Großschadenslage.

Psychotherapeutenkammer NRW: Was ist in der aktuellen Lage aus fachlich-psychotherapeutischer Sicht besonders wichtig? Worauf sollten Kolleginnen und Kollegen achten, die sich engagieren möchten bzw. Menschen aus den Krisengebieten in Behandlung nehmen wollen?
Leutner/Faust: Sie sollten zuerst menschlich präsent sein, Orientierung, Sicherheit und Hoffnung vermitteln. Sie können dann ohne Scheu das einsetzen, was sie aus dem Traumabereich am besten können und den Menschen Handwerkszeug zur Selbsthilfe zur Verfügung stellen.

Psychotherapeutenkammer NRW: Welche Unterstützung benötigen betroffene Kinder und Jugendliche?
Leutner/Faust: Eine erwachsene Bezugsperson, die noch unterstützend und angemessen optimistisch sein kann, Klarheit und Wahrheit in kindgerechter Form, die Möglichkeit zu spielen und dabei das Geschehene „nebenbei“ zu verarbeiten.  Sobald es die Belastbarkeit erlaubt, benötigen sie gut informierte Bezugspersonen. Ein sehr hoher Schutzfaktor vor einer Traumafolgestörung ist das Erleben von Unterstützung und Verbundenheit. Das gilt gleichermaßen für Kinder wie für Erwachsene. Darin sind sich alle Forschenden einig!

Psychotherapeutenkammer NRW: Wie können sich Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten engagieren?
Leutner/Faust: Indem sie Therapieplätze zur Verfügung stellen und auf Anfrage vor Ort helfen, Hilfe erkennen und nachfragen und unser Angebot erklären.

Psychotherapeutenkammer NRW: Wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen für Ihr Engagement viel Glück und Erfolg!

Dipl. Psych. Susanne Leutner ist in eigener Praxis niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin und Gründerin des Netzwerks „Soforthilfe Psyche Netzwerk Helfer:innen Flutopfer“, Mitbegründerin Dipl. Psych. Claudia Faust ist in eigener Praxis niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin; Mitglied der Kammerversammlung und der Kommission „Großschadensereignisse/Notfallpsychotherapie“ der Psychotherapeutenkammer NRW. Das Gespräch führte Andreas Pichler, Vizepräsident der Psychotherapeutenkammer NRW.

Die Psychotherapeutenkammer NRW begrüßt das Engagement für die Betroffenen und ruft auf, weitere Behandlungskapazitäten zu schaffen

Aus Sicht der Psychotherapeutenkammer NRW ist es sehr zu begrüßen, dass sich private Initiativen wie das Netzwerk „Soforthilfe Psyche Netzwerk Helfer:innen Flutopfer“ bei der Krisenintervention in den Hochwassergebieten engagieren. Es zeigt sich, dass hier noch ein gewaltiger Nachholbedarf besteht, Hilfestrukturen aufzubauen, die den übrigen Diensten im Katastrophenschutz entsprechen und auch eine gesicherte Finanzierung vorweisen können. Projekte wie die des Netzwerkes „Soforthilfe Psyche Netzwerk Helfer:innen Flutopfer“ verdienen daher Respekt und Anerkennung für die geleistete Arbeit in organisatorischer wie auch praktisch-therapeutischer Hinsicht. Gleichwohl wird es in den nächsten Wochen und Monaten noch einen steigenden Bedarf an Behandlungsplätzen für die Menschen aus den Krisengebieten geben; Schätzungen aus der bisherigen Forschung gehen davon aus, dass das Risiko, nach Naturkatastrophen eine Traumafolgestörung zu entwickeln, bei ungefähr 14 bis hin zu 56 Prozent der betroffenen Bevölkerungsgruppe in Abhängigkeit von der Art der Ereignisse liegen kann (Quelle: Sonnenmoser, Marion: Naturkatastrophen – Gefahr lang anhaltender psychischer Folgen. PP 7, Dt. Ärzteblatt, Ausgabe Dez. 2008, S. 571.). Dieser Bedarf wird in der ambulanten und stationären Versorgung einen Platz brauchen. Die psychotherapeutische Versorgung ist allerdings schon im Normalfall sehr angespannt und ausgelastet, Kapazitäten sind hier nur durch ein außerordentliches und zusätzliches Engagement der Berufsangehörigen zu erwarten.

Die Psychotherapeutenkammer NRW bittet daher nach wie vor alle Niedergelassenen mit Kassenzulassung, solche Kapazitäten möglichst über die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen zu melden. Niedergelassene in Privatpraxen können gesetzlich Versicherte im Rahmen der Kostenerstattung auf der Grundlage von § 13 Abs. 3 Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB 5) behandeln; hier sind die Krankenkassen gefordert, diese Bewilligungen zeitnah und unbürokratisch auszusprechen, um das Leid sowie das Ausmaß der Traumafolgestörungen bei ihren Versicherten in Grenzen zu halten.

Weitere Informationen: Gerd Höhner, Präsident der Psychotherapeutenkammer NRW, beschreibt in einem Artikel im Generalanzeiger Bonn vom 23. Juli 2021 [externer Link] mögliche psychische Folgen der Hochwasserkatastrophe und erläutert, warum frühzeitige Unterstützung wichtig ist.

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