Ekel im Fokus: Jahreskongress Wissenschaft & Praxis beleuchtet Bedeutung für die Psychotherapie

Kaum eine Emotion löst so unmittelbar Abwehr aus wie Ekel. Was im Alltag vor Gefahren schützt, kann bei psychischen Erkrankungen zur Belastung werden – und stellt die Psychotherapie vor besondere Herausforderungen. Diesem Spannungsfeld widmete sich der 22. Jahreskongress Wissenschaft & Praxis am 10. und 11. Oktober 2026. Rund 200 Teilnehmende kamen dafür im Europäischen Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (EBZ) in Bochum zusammen. 

Zur Eröffnung betonte PD Dr. André Wannemüller vom Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit der Ruhr-Universität Bochum, der als Moderator durch den Veranstaltungsauftakt führte, Ekel könne sowohl Symptom als auch therapeutische Herausforderung sein und Einblicke in zugrunde liegende psychische Mechanismen ermöglichen. Kongressleiter Prof. Dr. Michael Witthöft begrüßte die Teilnehmenden und ermunterte sie, die Gelegenheit für Austausch und neue Impulse für die psychotherapeutische Praxis zu nutzen. 

Der Präsident der Psychotherapeutenkammer NRW, Andreas Pichler, erweiterte in seinem Grußwort die Perspektive auf die gesellschaftliche und sozialpolitische Dimension des Ekels. Die Emotion könne weit über ihre ursprüngliche Schutzfunktion hinauswirken und auch zwischenmenschliche Beziehungen sowie gesellschaftliche Entscheidungen beeinflussen. Welche Rolle spielten Ekel und Abscheu etwa im Umgang mit obdachlosen Menschen oder bei der Entscheidung über Bettelverbote im öffentlichen Raum? Diese Beispiele zeigten, wie weit die Fragen reichten, die sich aus der Beschäftigung mit einer so vielseitigen Emotion ergäben und weshalb eine eingehende Beschäftigung mit Ekel aktuell so wichtig sei.  

Ekel erkennen und diagnostisch erfassen

Prof. Dr. Anne Schienle von der Universität Graz beleuchtete die Erscheinungsformen und neurobiologischen Grundlagen des Ekels. Die Emotion schütze vor potenziell schädlichen Reizen und löse Vermeidungsverhalten aus. Das Spektrum reiche vom Ekel gegenüber ungenießbarer Nahrung über körperbezogenen bis hin zu sozialem und moralischem Ekel. Die damit verbundenen Reaktionen umfassten neben Wegschauen und Distanzieren auch die Ablehnung und Ausgrenzung anderer Menschen. Auch die neuronale Verarbeitung sei komplex: Ekel aktiviere ein Netzwerk verschiedener Hirnregionen, die teilweise auch andere Emotionen verarbeiteten. Ekelreaktionen könnten zudem schnell entstehen, sich auf weitere Reize übertragen und ließen sich oft nur schwer verändern.

Diese Eigenschaften könnten dazu beitragen, dass eine ursprünglich schützende Reaktion krankheitswertige Ausmaße annehme. Ekel könne etwa bei Zwangsstörungen eine Rolle spielen oder sich als Selbstekel gegen die eigene Person richten. Anne Schienle unterstrich deshalb die Bedeutung einer Diagnostik, die Ekel als eigenständige Emotion berücksichtige und nicht vorschnell der Angst zuordne. Sie stellte dazu Fragebögen zur Ekelempfindlichkeit, Ekelsensitivität und zum Selbstekel vor. Während die Ekelempfindlichkeit beschreibe, wie stark jemand auf Ekelreize reagiere, erfasse die Ekelsensitivität die belastende Bewertung des eigenen Ekelerlebens und Schwierigkeiten bei dessen Regulation. Diese Unterscheidung könne wichtige Anhaltspunkte für die Behandlung liefern.

Warum Ekel therapeutisch besonders hartnäckig ist

Bei der verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Behandlung von Angststörungen, bei denen Ekel auch eine zentrale Rolle spielt, gilt die Expositionstherapie als Goldstandard. Doch was bei Furchtreaktionen gut funktioniert, stößt bei Ekel mitunter an Grenzen. Prof. Dr. Armin Zlomuzica von der Ruhr-Universität Bochum, zugleich wissenschaftlicher Leiter des Kongresses, erläuterte diese Unterschiede anhand experimenteller Studien zum Extinktionslernen. Während sich Furcht durch neue Lernerfahrungen und die Korrektur negativer Erwartungen häufig reduzieren lasse, erweise sich Ekel als hartnäckiger. Denn die Bewertung eines Reizes als ekelerregend sei nicht zwangsläufig an eine konkrete Bedrohungserwartung gebunden. Eine Untersuchung mit Spinnen und Schaben verdeutlichte die Folgen für die Generalisierbarkeit: Nach einer Exposition gegenüber Spinnen nahm auch die Furcht vor Schaben ab. Der Ekel gegenüber Spinnen verringerte sich ebenfalls, eine Übertragung der Ekelreduktion auf Schaben ließ sich hingegen nicht nachweisen.

Als möglichen therapeutischen Wirkmechanismus rückte Armin Zlomuzica die Selbstwirksamkeit in den Mittelpunkt. Entscheidend sei nicht allein die Reduktion unangenehmer Emotionen, sondern auch die Erfahrung, belastende Situationen bewältigen und Ekel tolerieren zu können. Solche Bewältigungserfahrungen, sogenannte Mastery Experiences, könnten therapeutische Fortschritte stabilisieren. Erste Hinweise deuteten darauf hin, dass die Kombination von Exposition und Selbstwirksamkeitsförderung langfristige Behandlungsergebnisse verbessern könne. Unterstützen ließe sich dies etwa durch die Aktivierung früherer Bewältigungserfahrungen oder durch Beobachtungslernen. Dazu stellte Armin Zlomuzica erste Ergebnisse zur stellvertretenden Exposition vor, bei der Betroffene die Konfrontation mit einem angstauslösenden Reiz per Video beobachten.

Neue Ansätze für die psychotherapeutische Praxis

An den Herausforderungen bei der Veränderung von Ekelreaktionen setzte Prof. Dr. Jakob Fink-Lamotte von der Universität Potsdam an. Anders als eine konkrete Befürchtung lasse sich die negative Bewertung eines widerlichen Gegenstands nicht ohne Weiteres durch korrigierende Erfahrungen widerlegen. Mögliche Folgen einer vermeintlichen Kontamination träten zudem oft erst verzögert ein und seien deshalb schwer überprüfbar. Auch eine unzureichende Auseinandersetzung mit dem Ekelreiz und die Ausbreitung von Kontaminationsvorstellungen könnten therapeutische Lernprozesse erschweren. Dies verdeutlichte Jakob Fink-Lamotte anhand einer Untersuchung zur Ausbreitung von Kontaminationsvorstellungen. Dabei wurde ein Stift mit einem ekelerregenden Reiz in Kontakt gebracht. Anschließend berührte dieser einen zweiten Stift, der wiederum einen dritten berührte – bis zum zwölften Stift. Während die wahrgenommene Verunreinigung mit jedem weiteren Kontakt bei den Vergleichsgruppen abnahm, blieb sie bei Menschen mit Waschzwängen selbst am Ende der Kette vergleichsweise hoch. 

Für die Praxis leitete Jakob Fink-Lamotte daraus ab, anhaltenden Ekel differenziert zu betrachten und die Behandlung am zugrunde liegenden Prozess auszurichten. Aus Sicht der Verhaltenstherapie bleibe Exposition dabei die Grundlage der Behandlung. Ergänzend könnten die Veränderung negativer Bewertungen, eine vertiefte Verarbeitung der Ekelreize und imaginative Techniken hilfreich sein. Auch Selbstwirksamkeit könne Betroffenen helfen, Situationen trotz anhaltenden Ekels zu bewältigen. Mitunter könne begrenztes Sicherheitsverhalten zunächst solche Erfahrungen ermöglichen. Entscheidend sei, bei ausbleibenden Fortschritten nicht lediglich die Exposition zu intensivieren, sondern Hindernisse für neue Lernerfahrungen zu identifizieren. Die Evidenz für viele ergänzende Ansätze sei allerdings noch begrenzt. Sie kämen daher vor allem als gezielte Ergänzung etablierter Verfahren infrage.

Forschungsergebnisse auf dem Prüfstand

In der abschließenden Podiumsdiskussion griffen die Referierenden zahlreiche Fragen aus dem Plenum auf. Im Mittelpunkt stand, wie sich die Forschungsergebnisse für die psychotherapeutische Praxis nutzen lassen. Diskutiert wurden die Grenzen der Generalisierbarkeit von Expositionserfahrungen, individuelle Reaktionen und Möglichkeiten, bewährte Behandlungsverfahren zu ergänzen. Der lebhafte Austausch unterstrich den praktischen Nutzen einer differenzierten Betrachtung des Ekels – von seiner diagnostischen Erfassung bis zur gezielten Anpassung therapeutischer Interventionen.

Der 23. Jahreskongress Psychotherapie „Wissenschaft & Praxis“ findet am 16. und 17. Oktober 2027 statt. Nähere Informationen werden auf der Website des Hochschulverbunds Psychotherapie NRW bekannt gegeben [externer Link].