Empfang der Kammer: Psychotherapie als gesellschaftliche Verantwortung

25 Jahre Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen: Am 18. September 2026 bot der Sommerempfang in der Geschäftsstelle in Düsseldorf Anlass zum Feiern – und für den Blick nach vorn. Gäste aus Landespolitik, Gesundheitswesen sowie Mitglieder der Kammer blickten gemeinsam auf ein Vierteljahrhundert beruflicher Selbstverwaltung und die Rolle der Psychotherapie in Gegenwart und Zukunft.
Wie viel sich in diesen 25 Jahren entwickelt hat, zeigte sich für Kammerpräsident Andreas Pichler bereits beim Blick in den Saal. Die Begrüßung der zahlreichen Gäste aus Politik, Kammerwesen, Verbänden und weiteren Institutionen sei durchaus ein Grund zur Freude: Sie zeige, in welcher Breite die Kammer heute im nordrhein-westfälischen Gesundheitswesen vernetzt sei. Aus rund 3.000 Mitgliedern zur Gründung im Jahr 2001 sind heute mehr als 16.000 geworden. „Wir feiern Jubiläum und eine Erfolgsgeschichte“, bilanzierte Andreas Pichler. Sein besonderer Dank galt den Wegbereitern der Kammer und allen, die ihre Entwicklung über zweieinhalb Jahrzehnte geprägt haben.
Psychotherapie wirkt in die Gesellschaft
Doch das Jubiläum bot nicht nur Anlass für einen Rückblick. Unter dem Motto „Psychotherapie ist gesellschaftliche Verantwortung!“ richtete Andreas Pichler den Blick auf Gegenwart und Zukunft. Psychotherapie gehe in ihrer Wirkung über die Behandlung psychischer Erkrankungen hinaus. Psychische Gesundheit werde ebenso von den Bedingungen geprägt, unter denen Menschen leben. Wo diese krank machten, stoße auch Psychotherapie oft an ihre Grenzen. Für die Profession erwachse daraus die Verantwortung, Missstände zu benennen und sich für Bedingungen einzusetzen, die psychische Gesundheit fördern, so der Kammerpräsident.
Dabei benannte Andreas Pichler auch Entwicklungen, die der Kammer Sorge bereiteten. Er wandte sich gegen Hass und Hetze, gesellschaftliche Spaltung und Diskriminierung marginalisierter Gruppen. Mit Sorge sei zu beobachten, dass gerade Menschen mit besonderer Schutzbedürftigkeit an den Rand gedrängt und Unterstützungsstrukturen infrage gestellt würden. „Das Gesundheitssystem ist ein unabdingbares Instrument der Daseinsvorsorge“, betonte Andreas Pichler. Es müsse sicherstellen, dass Menschen auch die Hilfe und Behandlung erhielten, die sie benötigten. Psychotherapie könne gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und Menschen darin stärken, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Angesichts immer neuer gesellschaftlicher Herausforderungen werde psychotherapeutische Expertise zunehmend gefragt sein. Die Arbeit der Profession sei von Zuversicht und Vertrauen in die Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen geprägt.
Gesellschaftliche Vertrauensarbeit
Diesen Gedanken griff Matthias Heidmeier, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS), in seinem Grußwort auf. Im Namen der Landesregierung gratulierte er der Kammer zum Jubiläum und würdigte ihren Einsatz für den Berufsstand und eine qualitativ hochwertige Versorgung. Psychische Gesundheit sei heute in der Mitte des gesellschaftlichen Diskurses angekommen. Psychotherapie könne Menschen dabei unterstützen, wieder am familiären, beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilzuhaben – und damit auch an Demokratie.
Gerade in Zeiten von Polarisierung und schwindendem Vertrauen in staatliche Institutionen komme der Psychotherapie nach Einschätzung von Matthias Heidmeier besondere Bedeutung zu. Sie leiste gesellschaftliche Vertrauensarbeit und müsse auch für die Krisenresilienz des Gesundheitswesens konsequent mitgedacht werden. Nordrhein-Westfalen arbeite derzeit an einem Rahmenplan für ein krisenfestes Gesundheitswesen. Auch die strukturellen Bedingungen für den Berufsstand nahm der Staatssekretär in den Blick. Bei der Finanzierung der Weiterbildung suche das Land gemeinsam mit der Profession nach pragmatischen Lösungen – hier kämpfe man „Seit’ an Seit’“. Notwendig seien Stabilität und Verlässlichkeit in der Versorgung. Deshalb seien die Honorarkürzungen in der ambulanten Psychotherapie der falsche Ansatz gewesen. Seine Botschaft: Die Arbeit der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werde in den kommenden Jahren nicht weniger, sondern wichtiger.
Psychotherapie stärkt Resilienz
Was Psychotherapie zu dieser gesellschaftlichen Vertrauensarbeit beitragen könne, nahm Vizepräsidentin Julia Leithäuser in den Blick. Psychotherapie sei eine Heilbehandlung, die von der therapeutischen Beziehung und der aktiven Mitwirkung der Patientinnen und Patienten lebe. Sie verlange die Bereitschaft, sich mit schmerzhaften Gefühlen auseinanderzusetzen und das eigene Erleben und Handeln zu reflektieren. Diese Selbstreflexion helfe, sich selbst und andere zu verstehen. In einer Zeit, in der eine Krise auf die nächste folge und neue Veränderungen einsetzten, bevor vorherige verarbeitet seien, gewinne diese Fähigkeit zusehends an Bedeutung. Psychotherapie könne Menschen dabei unterstützen, mit Belastungen umzugehen und zu verhindern, dass Krisen chronisch würden.
Eine besondere Rolle spiele dabei ein Konzept, das in der Psychotherapie als epistemisches Vertrauen bezeichnet werde: die Fähigkeit, andere Menschen als verlässliche Informationsquelle wahrzunehmen und Informationen auf ihre Relevanz zu filtern. Seine Bedeutung reiche weit in die Gesellschaft hinein, machte Julia Leithäuser deutlich. Erfolgreiche Psychotherapie könne damit über den einzelnen Menschen hinaus wirken: Sie könne soziale Bindungen festigen, gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und dazu beitragen, auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Umgekehrt sei eine resiliente Gesellschaft darauf angewiesen, dass Menschen einander und verlässlichen Informationen vertrauten, Unsicherheit aushielten und sich auf andere Perspektiven einließen. Psychotherapie und Gesellschaft stärkten sich damit wechselseitig: Psychisch gesunde Menschen trügen zu einer resilienten Gesellschaft bei – und diese schaffe den Rahmen, in dem psychische Gesundheit gedeihen könne. Psychotherapie sei deshalb unverzichtbar und brauche Rahmenbedingungen, die ihrer Bedeutung gerecht würden.
Ein Update für das Gesundheitssystem

Welche Rahmenbedingungen Psychotherapie künftig brauche, nahm anschließend Vorstandsmitglied Elisabeth Dallüge in den Blick. Ihr Fazit nach 25 Jahren Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen: Das Gesundheitssystem brauche ein Update. Psychotherapie trage schon heute ein erhebliches Gewicht im Gesundheitswesen, sei strukturell aber noch nicht überall entsprechend verankert. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten diagnostizierten, planten und verantworteten Behandlungen – und träfen komplexe Entscheidungen. Ihre Kompetenzen müssten sich stärker in Befugnissen, Verantwortung und Leitungsstrukturen widerspiegeln. Gute multiprofessionelle Zusammenarbeit bedeute, Verantwortung dort zu verankern, wo die entsprechende Qualifikation vorhanden sei.
Für ein zukunftsfähiges System brauche es nach Ansicht von Elisabeth Dallüge aber noch mehr. Die weiterhin nicht verlässlich finanzierte Weiterbildung gefährde den Erfolg der Ausbildungsreform. Ein System, das dringend auf Nachwuchs angewiesen sei, müsse diesen auch zulassen. Um die Selbstverwaltung weiter zu stärken, müsse die Profession zudem mehr Vielfalt wagen und unterschiedliche Perspektiven stärker einbinden. Denn wer vertreten sei, beeinflusse auch, welche Probleme gesehen und welche Lösungen entwickelt würden. Auch die Finanzierung der Versorgung müsse neu gedacht werden: Psychische Erkrankungen hielten sich nicht an Budgetgrenzen. Notwendige psychotherapeutische Leistungen müssten daher weiter vollständig extrabudgetär vergütet werden. Vor 25 Jahren sei es darum gegangen, dem Beruf einen festen Platz im Gesundheitssystem zu erarbeiten. Für die kommenden 25 Jahre gehe es darum, psychischer Gesundheit den Platz zu geben, den sie in der Gesellschaft längst brauche, resümierte Elisabeth Dallüge.
Im Anschluss bot der Empfang bei einem geselligen Beisammensein reichlich Raum für Gespräche und persönlichen Austausch. Bestehende Verbindungen ließen sich vertiefen, neue Kontakte knüpfen und gemeinsame Themen weiterdenken. So fand der Jubiläumsabend in entspannter Atmosphäre seinen Abschluss – und zeigte einmal mehr, wie wichtig eine gute Vernetzung auch mit Blick auf die kommenden Aufgaben ist.
Impressionen vom Empfang sowie Mitschnitte der Reden des Kammervorstands finden Sie hier.



























