Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen in Krisenzeiten: Rückblick auf das 6. Symposium der KJP

V.l.n.r.: Dr. Josepha Katzmann, Bettina Meisel, Barbara Holzmann, David Grade

Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, in der Krisen zunehmend zum Alltag gehören – gesellschaftliche Unsicherheiten, digitale Dauerverfügbarkeit und familiäre Belastungen wirken oft gleichzeitig. Welche Rolle Psychotherapie in dieser Situation spielen kann, stand im Mittelpunkt des 6. Symposiums der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie der Psychotherapeutenkammer NRW am 7. März 2026 in der Geschäftsstelle der Kammer. Die Veranstaltung fand hybrid statt und brachte Fachleute aus Wissenschaft und Praxis zusammen, um aktuelle Forschungsergebnisse mit Blick auf die psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu diskutieren und daraus Impulse für die Praxis zu geben.

Unter dem Titel „Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser? – Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen in Krisenzeiten“ beleuchteten die Referierenden unterschiedliche Dimensionen psychischer Belastungen. Dabei zog sich ein gemeinsamer Gedanke durch die Beiträge: Psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen entstehen selten isoliert. Vielmehr greifen gesellschaftliche Entwicklungen, soziale Erfahrungen, digitale Lebenswelten und familiäre Rahmenbedingungen ineinander. Für die psychotherapeutische Arbeit bedeute das, Symptome immer auch im Kontext der Lebensrealität junger Menschen zu verstehen. Durch das Programm führte das Ausschussmitglied Dr. Josepha Katzmann.

Wenn Krisen zusammenwirken

Kinder und Jugendliche, die heute psychotherapeutische Unterstützung suchen, würden häufig nicht nur ein einzelnes Problem mitbringen. Darauf wies David Grade, Vorsitzender des Ausschusses „Psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen“ der Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen, hin. Häufig überlagerten sich unterschiedliche Belastungen – etwa familiäre Konflikte, schulischer Druck oder gesellschaftliche Unsicherheiten. Entscheidend sei daher weniger die einzelne Krise als vielmehr ihr Zusammenspiel.

Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, der selbst im stationären Bereich tätig ist, beschrieb diese Dynamik als Kumulation von Krisen: Belastungen verstärkten sich gegenseitig und wirkten auf verschiedenen Ebenen. Für die psychotherapeutische Praxis bedeute das, Symptome nicht isoliert zu betrachten, sondern gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien die verschiedenen Einflussfaktoren sichtbar zu machen. Gleichzeitig sei es für den Berufsstand wichtig, auch die eigene Handlungsfähigkeit realistisch einzuschätzen. Nicht jede gesellschaftliche Entwicklung lasse sich unmittelbar verändern. In manchen Bereichen gehe es darum, sich anzupassen oder Grenzen zu setzen; anderes müsse man bewusst beiseitelegen oder auch einmal ausblenden. Entscheidend sei, dort aktiv zu werden, wo tatsächlich Einfluss möglich ist, betonte David Grade.

Diskriminierung als psychischer Belastungsfaktor

Zu den gesellschaftlichen Faktoren, die psychische Gesundheit beeinflussen können, gehören auch Erfahrungen von Ungleichheit und Diskriminierung. Prof. Dr. Christina Hunger-Schoppe von der Universität Witten/Herdecke richtete den Blick in ihrem Vortrag auf diese Dimension gesellschaftlicher Belastung. Gerade für junge Menschen könnten Erfahrungen von Ausgrenzung zu einer emotionalen Last werden, die Entwicklung und Wohlbefinden langfristig beeinträchtigen kann. 

Die Forscherin stellte Ergebnisse eines systematischen Reviews zu rassismusssensiblen Ansätzen in der Familientherapie vor. Die Analyse internationaler Studien zeige, dass evidenzbasierte Programme, die gezielt auf die psychischen Folgen von Rassismuserfahrungen eingehen, bislang noch selten seien. Gleichzeitig verdeutlichten die untersuchten Projekte, wie wichtig es sei, Diskriminierungserfahrungen in der therapeutischen Arbeit offen anzusprechen. Dabei spiele auch die Zusammensetzung innerhalb der Profession eine Rolle: Menschen mit eigener Migrationserfahrung oder spezifischer Expertise zu kulturellen Kontexten könnten dazu beitragen, Lebensrealitäten besser zu verstehen und therapeutische Angebote passgenauer zu gestalten. Entsprechende Perspektiven stärker in die psychotherapeutische Versorgung einzubeziehen, könne daher ein wichtiger Schritt sein, um Zugänge zur Behandlung zu verbessern. 

Risiken der digitalen Dauerverbindung

Neben gesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen auch digitale Medien den Alltag junger Menschen. Prof. Dr. Julia Brailovskaia vom Forschungs- und Behandlungszentrum (FBZ) für psychische Gesundheit an der Ruhr-Universität Bochum zeigte anhand aktueller Forschung, wie stark soziale Medien inzwischen Teil dieser Lebensrealität geworden sind. Studien zufolge verbringen Jugendliche im Durchschnitt mehrere Stunden täglich auf entsprechenden Plattformen – an Wochentagen mehr als zwei Stunden.

Die Wissenschaftlerin unterschied dabei zwischen passivem Konsum – etwa das reine Anschauen von Inhalten – und aktiver Nutzung, bei der Beiträge erstellt und mit anderen geteilt würden. Beide Formen könnten Risiken bergen. Anders als das passive Scrollen, das zu sozialen Vergleichen verleite, würde die aktive Nutzung sogenannte „Flow-Erlebnisse“ begünstigen – also Zustände, bei denen Menschen so stark in die Onlinewelt eintauchen, dass sie Zeit und Umgebung ausblenden. Dieser kurzfristig positive Effekt könne jedoch langfristig zur Entwicklung einer „Social Media Addiction“ beitragen, die oft mit Depressionen, Schlafstörungen, Einsamkeit oder erhöhter Stressbelastung verbunden sei. Aus Sicht der Expertin brauche es deshalb deutlich stärkere Schutzmaßnahmen für junge Nutzerinnen und Nutzer – etwa ein Verbot sozialer Medien für Kinder unter 14 Jahren sowie strengere Vorgaben für Plattformbetreiber. Damit rückte auch die Rolle der Profession in der Debatte über den Schutz junger Menschen im digitalen Raum in den Blick. Julia Brailovskaia verband dies mit der Bitte an den Berufsstand und seine Vertretung, sich in diese Debatte aktiv einzubringen. 

Kinderschutz im medizinischen Alltag

Krisen zeigen sich nicht nur in gesellschaftlichen Entwicklungen oder digitalen Lebenswelten – manchmal werden sie im medizinischen Alltag unmittelbar sichtbar. Darauf machte Barbara Holzmann, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in Köln und Mitarbeiterin der Medizinischen Kinderschutzhotline der Universität Ulm, aufmerksam. In ihrem Vortrag gab sie einen Überblick über verschiedene Formen von Kindswohlgefährdung – von körperlicher Misshandlung über sexuellen Missbrauch bis hin zu mangelnder Fürsorge. 

Die Expertin betonte, dass Vernachlässigung die häufigste Form von Kindeswohlgefährdung darstelle und zugleich oft schwer zu erkennen sei. Hinweise könnten etwa verzögerte medizinische Versorgung, wiederholte Verletzungen mit unklarer Ursache oder deutliche Entwicklungsauffälligkeiten sein. Um Fachkräfte in solchen Situationen zu unterstützen, stellte Barbara Holzmann die bundesweite medizinische Kinderschutzhotline vor. Das staatlich geförderte Angebot ist rund um die Uhr erreichbar und richte sich insbesondere an Fachpersonen im Gesundheitswesen, die sich anonym beraten lassen möchten. Gerade in Situationen, in denen ein „ungutes Bauchgefühl“ bleibe, könne eine solche niedrigschwellige Beratung helfen, Beobachtungen einzuordnen und weitere Schritte zu planen. 

Perspektiven für Prävention und Zusammenarbeit

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden die unterschiedlichen Perspektiven noch einmal zusammengeführt. Gemeinsam mit den Referierenden diskutierte Bettina Meisel aus dem Kammervorstand über die Bedeutung von Prävention, eine stärkere Vernetzung der Hilfesysteme sowie gesellschaftliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer brachten sich dabei mit zahlreichen Fragen und Anregungen aus der Praxis ein und griffen wichtige berufspolitische Themen auf – etwa die Organisation von Versorgungsstrukturen oder den Umgang mit gesellschaftlichen Krisen in der psychotherapeutischen Arbeit. Moderatorin Josepha Katzmann nahm diese Impulse auf und betonte, dass Prävention nicht nur politisch gefordert, sondern auch praktisch gestaltet werden müsste. Sie regte die Kammermitglieder an, sich auch ehrenamtlich zu engagieren und damit dazu beizutragen, präventive Ansätze in Versorgung und Gesellschaft weiter zu stärken. 

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